Full text : Ereignisse und Gestalten 1878-1918

stilistische  Pein.  Nach  stundenlanger  Arbeit  war  der  Guß  endlich
gelungen  und  wurde,  nachdem  die  Note  ein  paarmal  von  Hand  zu
Hand  gegangen  und  dann  noch  ein  halbes  Dutzend  Mal  von  mir
verlesen  worden  war,  unterschrieben.

Beim  Auseinandergehen  fragte  der  Kanzler  Sir  Ernest  noch,
wer  von  England  aus  zu  den  Verhandlungen  zu  erwarten  sei.
Cassel  erwiderte,  es  werde  jedenfalls  ein  Minister  gesandt  werden,
welcher,  sei  ihm  nicht  bekannt,  vielleicht  Mr.  Winston  Churchill,  der
jetztge  Marineminister,  da  es  sich  ja  um  eine  Marineangelegenheit
handle.  Dann  vereinbarte  der  Kanzler  noch  mit  ihm,  daß  der  inoffizielle
  Weg  beibehalten  werden  und  Ballin  die  Übermittlung  aller
die  Angelegenheit  betreffenden  Nachrichten  aus  England  übernehmen
solle.  Sir  Ernest  drückte  seinen  lebhaften  Dank  für  liebenswürdigen
Empfang  und  seine  Zufriedenheit  mit  dem  Tenor  unserer  Antwortnote
  aus.  Später  teilte  mir  Ballin  noch  einmal  vom  Hotel  aus
mit,  daß  Cassel  sich  in  jeder  Beziehung  befriedigt  über  den  Erfolg
seiner  Mission  ausgesprochen  habe  und  über  den  guten  Eindruck,  den
er  empfangen  hätte,  auch  seiner  Regierung  berichten  werde.

Als  ich  dann  die  Angelegenheit  mit  Admiral  v.  Tirpitz  besprach,
waren  wir  beide  uns  darüber  einig,  daß  die  Novelle  in  Gefahr
komme,  also  scharf  aufgepaßt  werden  müßte.  Es  wurde  nun  in  aller
Stille  das  Material  geordnet,  das  Admiral  v.  Tirpitz  bei  den  Verhandlungen
  vorzulegen  haben  würde:  ein  kleiner  historischer  Überblick
über  die  Entwicklung  der  Flotte  und  deren  sich  erweiternde  Aufgaben;
das  Flottengesetz  in  seinen  Zielen,  seinem  Wesen  sowie  seine  Durchführung
  und  seine  Erweiterung,  schließlich  die  vorliegende  Novelle,
ihre  Bedeutung  und  die  Art  ihrer  Ausführung.  Vom  Kanzler
wurde  erbeten,  daß  die  Hauptverhandlung  im  Schloß  in  meiner
Gegenwart  stattfinden  solle.  Mit  Tirpitz  verabredete  ich  noch,  daß
er,  soweit  er  könne,  englisch  sprechen  solle,  bei  schwierigen  Ausdrücken
würde  ich  eventuell  dolmetschen.

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