Bis zur Bekanntgabe des Unterhändlers seitens Englands erging
man sich in Vermutungen, und Ballin berichtete über Kombinationen,
bei denen verschiedene Namen, sogar der Grey's, genannt
wurden. Endlich kam durch Ballin die Nachricht, daß Haldane
— ausgerechnet der Kriegsminister, früher Advokat — mit der
Verhandlung betraut worden sei und demnächst eintreffen werde.
Allgemeines Erstaunen! Man denke sich mutatis murandis, daß
Deutschland an Stelle von Admiral v. Tirpich den Kriegsminister
(v. Heeringen damals) zur Besprechung einer Flottenfrage nach
London geschickt hätte! Bei der Besprechung dieses Punktes mit
Bethmann und Tirpitz wurden verschiedene Mutmaßungen laut.
Der Kanzler meinte, Haldane sei in England als Goetheforscher und
Kenner der deutschen Philosophie, auch als des Deutschen mächtig
bekannt, es sei also wohl eine Höflichkeit gegen uns, die sich in
seiner Wahl kund tue. Tirpitz bemerkte, daß Haldane ja früher
einige Zeit in Berlin gewesen sei und bei General v. Einem im
Kriegsminsterium gearbeitet, also die hiesigen Verhältnisse kennen
gelernt habe. Ich wies darauf hin, daß das alles wohl in Betrache
komme, daß aber durch Haldane's Wahl, da er die Marine doch
nur oberflächlich kennen könne, die Angelegenheit zu einer für England
rein politischen gestempelt sei. Sehr wahrscheinlich richte sich das
Ganze gegen die Marinepolitik Deutschlands überhaupt und gegen
die Novelle im besonderen. Man werde deshalb gut tun, diesen
Punkt nicht aus den Augen zu lassen, damit sich nicht unversehens
ein fremder Eingriff in unser Selbstbestimmungsrecht hinsichtlich der
Stärke unserer Wehrkraft aus der ganzen Affäre herauskristallisiere.
Haldane kam an. Er wurde als Kaiserlicher Gast aufgenommen.
Ballin, der ihn begleitete, löste nun auch das Rätsel von Haldane's
Wahl auf Grund von Nachrichten, die ihm aus England zugegangen
waren. Als Cassel, nach London heimgekehrt, der Regierung über
seinen Empfang berichtet und die Antwortnote übergeben hätte, wäre
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