296 Bie Morrrichisch-ungarische Moenartie. (Januar 31.)
land geraten sei. Abg. Grabmayer: Die Annäherung Deutschlands an
Rußland kann für uns nur vorteilhaft sein, da sie eine starke Bürgschaft
des Friedens und auch geeignet ist, die Annäherung zwischen Wien und
Petersburg weiter zu fördern. Wir müssen uns entschieden dagegen verwahren,
daß Kramarz uns in dem Dreibundverhältnis nur die erniedrigende
Rolle einer Schildwache anweist. Alle Beteiligten sind vielmehr gleichberechtigte
Bundesgenossen, jeder steht für die anderen auf Schildwache, so
vor einigen Jahren wir in Algeciras für Deutschland und vor kurzem
Deutschland als treuer verläßlicher Bundesgenosse für uns. Daß die von
Kramarz geforderte Freiheit in wirtschaftlichen Dingen von unseren Regierungen
gewahrt wird, zeigt die Haltung der Regierung in der Elbschiffahrtsfrage,
die hoffentlich in Deutschland gewürdigt werden wird. Wenn Kramarz
von einer uns durch Deutschland drohenden Pénétration pacifique sprach,
. wünschen die Deutschen Oesterreichs nur eine Art Penetration, nämlich
ie innigere, geistige und kulturelle Gemeinschaft zwischen den Deutschen in
Oesterreich und den Deutschen des Deutschen Reiches. Diese Gemeinschaft
lassen wir uns weder nehmen, noch verkümmern, ohne daß darin eine
feindselige Spitze gegen die slavische Mehrheit Oesterreichs liegt. Redner
bezeichnete die Behauptung des Abg. Kramarz von schädlichen Wirkungen
der Bagdadbahn für Oesterreich als Hirngespinste und erklärte, es sei zwar
richtig, daß Deutschland Oesterreich in wirtschaftlicher Hinsicht auf dem
Balkan hart auf den Fersen sei, dies sei aber kein wirtschaftlicher Krieg,
sondern nur eine wirtschaftliche Konkurrenz, in der Oesterreich bestmöglich
zu bestehen suchen müsse. Redner erörterte dann eingehend das Verhältnis
Oesterreich-Ungarns zu Italien, das leider immer noch auf schwachen
Füßen stehe. Es werde ernster und andauernder Arbeit bedürfen, um
das politische Bündnis zu wahren und zu herzlicher Freundschaft auszugestalten.
Der Delegierte Kozlowski betonte, der Polenklub bringe stets sein
Mitgefühl für die von der russischen und der preußischen Regierung verfolgten
Landsleute mit den österreichischen Reichsinteressen in Einklang.
Die häufigen Ausweisungen von Slaven, namentlich von Polen, aus
Preußen lege er nicht dem deutschen Volke zur Last, da sich das deutsche
Parlament wiederholt dagegen ausgesprochen habe; er frage aber, was
Deutschland sagen würde, wenn man in Oesterreich Elsässer oder Westfalen
nur für eine gewisse Zeitspanne als Arbeiter aufnehmen dürfte. Redner
trat dann für freundliche Beziehungen zu den Westmächten ein und erklärte
schließlich, er stimme für das Budget. In Erwiderung auf die Bemerkungen
Grabmayers erklärte Delegierter Kramarz (Tscheche), es sei ihm nicht eingefallen,
neue Bündnisse zu konstruieren oder zu empfehlen. Er verstehe unter
Selbständigmachung der österreichischen Politik nur, daß die Annäherung
Oesterreichs an Rußland direkt und nicht über Berlin erfolge. Die Gefahr
des Ausbaues der Bagdadbahn liege in der Schaffung eines neuen Wirtschaftsgebiets
für Deutschland, an das Oesterreich durch seine schlechte auswärtige
Politik wichtige Handelspositionen im nahen Orient bereits verloren
habe. Der Redner dankte dem Minister für die positive Erklärung, daß
Oesterreich-Ungarn auf dem Balkan keine Angriffsabsichten verfolge; es sei
aber höchste Zeit, daß das Auswärtige Amt endlich die von unverantwortlichen
Stellen immer wieder verbreiteten Legenden von einem beabsichtigten
Einmarsche in Serbien und nach Saloniki gründlich zerstöre und diese
Elemente abschüttele. Delegierter Geßmann cchristlichsozial) meinte, man
könnte den Gegnern des Bündnisses keine größere Verlegenheit bereiten,
als wenn man sie aufforderte, eine andere Kombination vorzuschlagen, die
Oesterreichs Interessen besser entspräche als der Dreibund.