Full text: Sächsische Volkskunde.

402 Cornelius Gurlitt: Die Dorfkirche. 
den Städten. Nur für ihre Erhaltung sei ein Wort eingelegt. Die alten 
Werke haben einen Wert, den kein moderner Künstler den seinigen geben 
kann, den des geistigen Verwachsenseins mit der Gemeinde. Sie sollten daher 
nicht nach dem Geschmack von heute beurteilt und selbst, wenn sie „Sach- 
verständigen“ mißfallen, nicht entfernt werden. Wir sollten über den Geschmack 
unserer Väter und seine Thaten nicht richten, damit nicht wir einst gerichtet 
werden. Denn was uns schön erscheint, wird deshalb nicht auch unseren 
Nachkommen als das Bessere gelten. Alter Besitz ist ein unersetzliches Gut: 
man sollte doppelt vorsichtig sein, ihn zu veräußern; denn das Verlorene ist 
nie wieder zu bringen. 
Noch ein Wort über die Grabsteine. Die in den Kirchen aufgestellten 
sollte man als ehrwürdige Denkmale schonen. Auch hier ist der Gesichtspunkt 
falsch, daß man über ihre Erhaltung nach dem Gefallen, oder selbst nach 
sachverständigem Kunsturteil entscheidet. Denkmäler sind errichtet, daß man 
der Toten und des Todes gedenkt, nicht um Kunstwerke zu erzeugen! Sie 
gehören in erster Linie der Ortsgeschichte, erst in zweiter der Kunstgeschichte 
an. Darum soll auch das unscheinbare Denkmal, selbst das einer un- 
bedeutenden Persönlichkeit mit Ehrfurcht bewahrt bleiben. Stören sie dort, 
wo sie stehen, den Gottesdienst, so ist doch immer eine Stelle in der Kirche 
zu finden, wo sie dies nicht thun und wo sie vor Unbill geschützt sind. 
Reich sind unsere Kirchen namentlich an Denkmälern aus der Zeit seit 
etwa 1550 bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Selbst aus der Zeit des 
30 jährigen Krieges fehlt es nicht an tüchtigen Arbeiten. Auf den Kirchhöfen 
fangen dagegen die Denkmäler an selten zu werden, die älter sind als 1700. 
Die reizenden Grabkreuze in Schmiedeeisen sind schon längst fast ganz ver- 
schwunden; vielfach sind sie in öffentliche und private kunstgewerbliche Samm- 
lungen übergegangen. Reiche Freidenkmäler in Sandstein namentlich aus 
der Mitte des 18. Jahrhunderts sind dagegen nicht selten. Bei dem hohen 
Stande des mittleren Könnens der Bildhauer jener Zeit finden sich oft 
darunter sehr tüchtige Leistungen. Sie verfallen nur zu oft, da es an 
Mitteln zu ihrer Pflege gebricht. Eine wohlgeordnete Kirchenverwaltung 
sollte aber diese oft kostbaren Andenken an die Toten einer kunstreicheren 
Zeit, die mit Wenigem zu erhalten sind, nicht unberücksichtigt lassen. Einer 
Erkenntnis seien die Kirchenverwaltungen vor allem eingedenk: es ist nicht zu 
erwarten, daß in ländlichen Kirchen sich Kunstwerke ersten Ranges finden. 
Man soll an ihre Schätzung nicht mit jenem Maßstab herantreten, den man 
in unseren großstädtischen Museen sich aneignete. Man soll vielmehr die Liebe 
als Maß nehmen, mit der das Werk geschaffen ist, selbst bei mäßigem Gelingen. 
Und die Kirche soll streng darauf halten, daß das ihr in Liebe Gebotene 
nicht ohne Grund in Mißachtung komme. Man pflege auch die Kunstäuße- 
rungen bescheiden beanlagter Meister; man sorge dafür, daß sie rein und in