Contents : Volksvergiftung 1914-1918.

—  25  —  5.

Es  kann  nicht  wundernehmen,  daß  diese  intensive  Tätigkeit  im
Volk  bald  auch  ihre  Auswirkung  im  Heere  hatte,  und  so  finden  wir
denn  in  dieser  Zeit  nach  dem  eigenen  Eingeständnis  einer  der  später
führenden  militärischen  Revolutionäre  den  Anfang  zur  Revolutionierung
  der  Flotte.  Der  frühere  Marineangehörige  Haas  sagte
darüber  in  einer  Versammlung  des  radikalen  Seemannsbundes  in
Geestemünde  am  30.  August  1919:

„Wir  haben  schon  mit  Beginn  des  Krieges,  von  Anfang  1915
an,  systematisch  an  der  Revolutionierung  der  Flotte  gearbeitet.
Wir  haben  von  unserer  Löhnung  alle  zehn  Tage  50  Pfennig
gesammelt,  uns  mit  Reichstagsabgeordneten  ins  Benehmen
gesetzt  und  revolutionäre  Flugschriften  verteilt,  um  für  die
Novemberereignisse  die  Vorbedingungen  zu  schaffen.“

Sosieht  man  bereits  hier,  nach  dem  Verlauf  nur  weniger
Kriegs  monate,  den  Ring  des  revolutionären  Kampfes  sich
vollkommen  schließen.

Am  23.  Mat  1915  erklärte  Italien  ÖOsterreich  den  Krieg.  Die
linksradikale  Opposition  benutzte  die  Gelegenheit,  um  am  26.  Mai
eine  Demonstration  zu  veranstalten,  der  sich  am  28.  Mai  1915  eine
von  1500  Teilnehmern  besuchte  Frauendemonstration  vor  dem  Reichstag
  anschloß,  bei  welcher  der  Genosse  Pieck  verhaftet  wurde.  In
diesen  Tagen  veröffentlichte  Liebknecht  das  Flugblatt  „Der  Hauptfeind
  steht  im  eigenen  Land“  (Faksimile  3).

Im  April  1915  erschien  die  von  Rosa  Luremburg  im  Gefängnis
verfaßte  „Juniusbroschüre"  1,  die  eine  Generalabrechnung  mit  der

1  Der  Kernpunkt  der  Ausführungen  Rosa  Luxenburgs  liegt  in  den  folgenden
  Worten:  „Alle  Forderungen,  die  etwa  auf  die  völlige  oder  stückweise  „Abrüstung“,
  auf  die  Abschaffung  der  Geheimdiplomatie,  auf  Zerschlagung  aller
Großstaaten  in  nationale  Kleinstaaten  und  dergleichen  mehr  hinauslaufen,  sind
samt  und  sonders  völlig  utopisch,  solange  die  kapitalistische  Klassenherrschaft
das  Heft  in  den  Händen  behält.  Diese  kann  zumal  unter  dem  jetzigen  imperialistischen
  Kurs  so  wenig  auf  den  heutigen  Militarismus,  auf  die  Geheimdiplomatie,
  auf  den  zentralistischen  gemischtnationalen  Großstaat  verzichten,
daß  die  betreffenden  Posiulate  eigentlich  mit  mehr  Konsequenz  allesamt  auf  die
glatte  Forderung“  hinauslaufen:  Abschaffung  des  kapitaltstischen  Klassenstaates.
  Nicht  mit  utopischen  Ratschlägen  und  Projekten,  wie  der  Imperialismus
im  Rahmen  des  bürgerlichen  Staates  durch  partielle  Reformen  zu  mildern,  zu
zähmen,  zu  dämpfen  wäre,  kann  die  proletarische  Politik  sich  wieder  den  ihr