Fünftes Kapitel.
Deutsche politik.
Seit langem kannte König Wilhelm seinen neuen Miinisterpräsidenten
schon; und man kann sagen, daß er niemals ohne ein achtsames Interesse
an dem um 18 Jahre jüngeren Mann vorübergegangen war.
Otto von Bismarck-Schönhausen war, einer altgesessenen märkischen
Adelsfamilie entstammend, am 1. April 1815 geboren. Im DOereinigten
Landtage einer der entschiedensten Dorkämpfer des absoluten Königtums,
hatte er 1848 besonders durch seine schneidigen Artikel in der „Kreuzzeitung“
die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Er war es gewesen,
der im Berbste 1848 den Blick König Friedrich Wilhelms, der in
Sanssouci ihn oft bei sich sah, mit richtigem Urteil auf den Grafen
Brandenburg richtete. In dem preußischen Abgeordnetenhause von 1840
galt er für den hervorragendsten Führer der Rechten; im Erfurter Harlamente
bewies er sich als den entschiedenen Gegner der preußischen Unionsbestrebungen
wie als den eifrigen Förderer einer Gsterreich zugewandten
Dolitik. Infolgedessen wurde er im Sommer 1851 als erster Gesandtschaftssekretär
Dreußens an den wiederhergestellten Zundestag nach Frankfurt
gesandt. Binnen kurzem indessen trat er hier an die Stelle des
preußischen Bundestagsgesandten von Rochow. Damit gewann er einen
tieferen Einblick in das diplomatische Getriebe: mit offenen Augen sah
und beobachtete er, und die tiefstgreifende Wandlung seiner politischen
Ansichten vollzog sich allmählich in ihm. Ein nicht seltener Gast war er
zudem in Koblenz, wo damals der Hrinz von Hreußen residierte: und
das waren Tage, die nicht ohne starke Miteinwirkung auf die Abklärung
der Ansichten Bismarcks bleiben konnten.
Wohl hatte im Hereinigten Landtage der Hrinz von dem jungen
Wortführer der äußersten Rechten sich sympathisch angezogen gefühlt.
Seine Furchtlosigkeit, seine Frömmigkeit, sein strenges Hflichtgefühl nahmen
für ihn ein. Seine glühende Daterlandsliebe, seine eifersüchtige Sorge