Full text : deutsches Wörterbuch. Zweiter Band H-O. (2)

325  Kerbstock  —  Kerl.

schickt  (miner.  Lex.  326·);  es  hieß  aufs  kerbholz  schneiden.
  Schuld,  Rechnung,  auch:  aufs  kerbholz  lieszen
sie  es  schreiben  Hauff  9,  33;  in  bildlichen  Redensarten:
  der  beste  sohn  hat  immer  zu  viel  vaterschweisz
und  mutterthränen  auf  dem  kerbholz  Maler  Müller
1,  281;  alles  ward  so  .  dem  guten  schneider  aufs
kerbholz  gebracht  Keller  Seldw.  2,  13;  wenn  er  nicht
so  viel  auf  dem  kerbholz  gehabt  bätte,  dasz  die  justiz
unmöglich  ein  auge  zudrücken  konnte  Heyse  5,  149.
Bei  Leinwebern  sind  kerbhölzer  mit  Kerben  versehene
Hölzer,  über  den  Schäften  des  Leinweberstuhls  angebracht,
um  die  Schäfte  höher  oder  niedriger  zu  hängen;  kerbholauch
  ein  Holz  zum  Fälteln  feiner  Leinwand.  —  Kerbstock,
  m.  Kerbholz.  —  Kerbtier,  n.  Verdeutschung  von
Insekt,  von  Campe  herrührend;  (der  Mensch)  gehektet
auf  die  scholle,  wie  das  kerbthier  auf  das  blatt  JIPaul
Levana  2,  143.

Kerker,  m.  Gefängnis;  frühes  Lehnwort  aus  lat.
carcer,  ahd.  als  charchari,  karkari,  karkeri,  mhd.  als
karkære,  kerkære,  kerker  erscheinend,  im  Goth.  entspricht
  ein  Fem.  karkara  gleicher  Herkunft;  das  Wort
ist  später  noch  einmal  in  gelehrterer  Form  und  in  eingeengterem
  Sinne  als  karzer  (s.  d.)  entlehnt  worden.
Bis  heute  der  gewählten  Spr.  angehörend,  namentlich
festes  und  schweres  Gefängnis  bezeichnend:  er  wark  si
in  einen  karkære  Laurin  1209;  (daß  er)  Silvestrum
in  einen  kerker  legen  liez  Silvester  341;  (daß  du)
werdest  in  den  kerker  geworfen  Matth.  5,  25;  verschlossen
  werden  im  kerker  Jes.  24,  22;  füren  .  aus
dem  kerker  42,  ;  also  gieng  Jeremia  in  die  gruben
und  kerker,  und  lag  lange  zeit  daselbst  Jer.  37,  16;
in  des  kerkers  feuchter  finsternis  Schiller  Tell  1,2;
übertragen:  da  géest  in  den  kerker  der  heile  Myst.
2,  216;  füre  meine  seele  aus  dem  kerker  Pf.  112,  8;
vom  Leibe:  die  den  leib  zu  einem  bloszen  kerker  und
klotze,  in  welchen  die  scelen  ihrer  sunden  wegen  verdammet
  wurden,  machen  Lohenstein  Arm.  1,  6652;
aber  die  scelen  versctzen  sich  aus  dem  staubigten  kerker,
und  treffen  sich  im  paradiese  der  liebe  Schiller  Räub.
4,  4;  von  städtischen  Häusern,  Städten  selbst:  o  flicht  den
athemraubenden  aushauch  von  goldnen  kerkern  der
städte  Ev  Kleist  Frühl.  36.  —  Zusammensetzungen:
Kerkerhaft,  f.  Hast  im  Kerker:  mir  ward  Robertos  schlosz
zur  kerkerhatt  Lenau  279.  —  Kerkterluft,  k.  Luft  wie
sie  in  einem  Kerker  ist:  die  dumpfbrutende  kerkerluft
frühzeitig  wegraftt  Platen  Od.  32;  die  kerkerluft
ihres  grabes  Hauff  11,  175.—  Kerkermauer,  f.  Mauer
eines  Kerkers:  zwängt  doch  der  irdische  gefährte  (der
Leib)  den  gottgebornen  geist  in  kerkermauern  ein
Schiller  an  einen  Moralisten.  —  Kerkermeister,  m.  Aufseher
  über  einen  Kerker  Ap.  Gesch.  16,  23.  27;  in  weiterem
Sinne:  in  euch,  dem  neffen  meines  kerkermeisters
Schiller  M.  Stuart  1,  6.  —  Kerkernacht,  k.  Nacht,
Finsternis,  wie  sie  in  einem  Kerker  herrscht:  (mein  Geist)
tief  in  kerkernacht  belastet  Bürger  als  Mollgy  sich
losreißen  wollte.  —  Kerkerthor,  n.  Thor  eines  Kerkers
Neh.  12,  39.  —  Kerkerthür,  f.  Thür  eines  Kerkers.  —
Kerkerwand,  k.  Wand  eines  Kerkers:  weil  finstre  kerkerwände
  ihn  umgrauen  Lenau  28.

Kerkern,  in  einen  Kerter  einschließen,  mhd.  kerkern:
ze  sant  Damian,  da  diu  erwelten  gotes  kint  inne
gekerkeret  sint  Lamprecht  Franz.  4856;  jetzt  gewöhnlicher
  einkerkern  (s.  d.);  bildlich:  ist  im  palast  der  freie
geist  gekerkert?  Goethe  Tasso  2,  3;  du  kerkerst  den
geist  in  ein  tönend  wort  Schiller  Worte  des  Wahns.

Kerl,  m.  derbe  Bezeichnung  für  Mensch,  Mann.
Wort  niederdeutscher  Abstammung,  mnd.  mnl.  kerl.
fries.  kerl,  tzerl,  tzir!,  altengl.  ceor,  bis  ins  Mitteldeutsche
  als  kerl  reichend,  dem  ahd.  charal,  karal.  mhd.
karl,  altnord.  kar!  Mann,  freier  Mann,  Ehemann,
Geliebter,  entsprechend,  ohne  urverwandte  Bildungen.
Die  Form  kerl  ist  erst  seit  dem  Ende  des  15.  Ih.  auch

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oberdeutsch  und  allgemein,  der  derbe  Sinn  wie  die  zum
Teil  fremde,  niederländische  Pluralform  weisen  darauf
hin,  daß  Landsknechte  aus  den  niederländischen  Feldgzügen
  das  Wort  mitgebracht  und  verbreitet  haben.  Die
Singularform  neben  kerl  auch  kerle:  musz  der  kerle
nicht  ein  narr  sein  Chr  Weise  Erzn.  123;  mit  dem
Plur.  kerlen:  was  fangen  die  kerlen  an?  böse  Cathar.
3,  6;  Dim.  neben  kerlehen  kerlein,  auch  als  Masc.
wie  kerl  stehend:  ein  schöner  kerlin  Grobian.  3364;
dem  güten  kerlin  Wickram  unger.  Son  B  25;  lbr  seid
ein  kerlein  ganz  kurios  Tieck  Oct.  109;  gewöhnliche
Pluralform  die  kerle,  daneben  auch  die  kerl:  die  jungen
und  halb  erwachsene  kerel  Olearius  Reisebeschr.  3,  6;
ehrliche  ker!  Schiller  Räub.  2,  3;  und  bis  jetzt,  nach
niederländischer  Weise,  kerles,  kerls:  die  kerles  Garg.
0;  hingegen  rissen  (in  der  Schlacht)  kerles  aus.  die
noch  keinen  tropfen  blut  vergossen  hatten  Simpl.
,  218;  ist  der  satan  in  die  kerls  gefahren?  Kotzebue
Pagenstr.  5,  3;  die  in  älterer  Spr.  wieder  auch  eine
Singularform  kerles  erzeugt  hat:  er  wöll  auch  so  ein
kerles  werden  Fischart  Nachtr.  2769.  Ungewöhrnlich
kerl  als  Neutr.:  das  mich  das  kerl  so  hat  geschossen
IAyrer  Phönizia  1.  Act,  V.  138.  Als  lobende  derbe
Bezeichnung,  gewöhnlich  mit  Zusätzen:  ein  tuchtiger,
braver,  ganzer,  netter,  guter,  gemütlicher  kerl;  ein
dapfer  cärle  Henisch;  vielleicht  werde  ich  durch  mein
reisen  ein  berühmter  kerl  Schelmuffsky  12;  bis  dasz
ich  ein  brav  kerl  geworden  wäre  13;  ganze  kerl
Schiller  Räub.  2,  3;  jeder  rechte  kerl  musz  uns  verachten
  Tell  3,  3;  es  gibt  wohl  andre  wege  noch
sich  durchzuhelfen,  für  ’nen  kerl  wie  ich  Grillparzer
7,  4;  auch  von  Frauen:  frau  generälin  ..  Ihr  seid,
straf  mich  gott,  ein  ganzer  kerl  Heyse  20,  366;  ironisch:
das  ist  ein  rechter  kerl,  der  fürchtet  sich;  auch  im
Dim.:  ein  kerlechen  mit  getünchten  wangen  Wieland
Sommerm.  2,  191;  für  sich  stehend,  als  Bezeichnung  für
Mann  schlechtweg,  so  niederdeutsch  für  Ehemann  im
Munde  der  Frau:  dat  wif  sprack  ok  en  hastig  wort:
wo  bistu,  kerel,  so  bedort!  Uhland  Volksl.  417;  für
Mannsbild:  eine  schöne  junge  edelfrau  ich  sahe
sie  anfünglich  vor  einen  kerl  an  Simpl.  2,  38;  in  roher
Rede,  entsprechend  dem  Neutr.  mensch:  was,  mensch!
du  meinst  ich  hätte  deinen  kerl  genommen?  Möser
Phant.  3,  46;  Mensch  in  dienender  Stellung:  unter  der
bausthur  spukt  ein  kerl  des  ministers  Schiller  Kab.
2,  4;  in  der  Aurede:  kerl.  du  bist  toll!  (Tellheim  zu
Just)  Lefsing  Minna  1,  8;  auch  sonst,  als  kräftiges
Wort  teils  mit  anerkennendem,  teils  aber  auch  mit
höhnischem  Beisinn:  kerls,  die  in  ohnmacht  fallen
Schiller  Räub.  1,  2;  der  kerl  wird  eingezogen  2,  3;
meine  kerls  drauszen  fangen  an  zu  sturmen  ebd.;
neben  her  hatten  unsere  kerls  noch  das  gefundenc
fressen  ebd.;  mit  Adjectiven,  derb  für  Mensch:  baumstarke,
  himmellange  kerle;  zu  hause  bin  ich  der  friedfertigste
  kerl  von  der  welt  Hauff  11,  146;  mit  verächtlichem
  Beisinn:  ein  alter  schlechter  kerl;  der  kerl
will  uns  erworgen  Garg.  89;  du  schändlicher  kerl
Weiße  kom.  Op.  2,  77;  drei  tfurchterliche  kerls  sind
eben  in  begrifl,  einen  vierten  niederzustoszen  Schiller
4,  276;  diese  rohen  kerle  Goethe  ital.  Reise  I;  —  von
einem  Pferde:  bedenke  nur,  der  leibgaul  des  russischen
gesandten,  der  ist  ein  kerl  von  gewicht  Seume  Spaz.
2,  57.  »
Kern,  m.  1)  festes  Inneres  eines  Pflanzenkörpers,
hoch=  und  niederdeutsches  Wort,  in  älterer  Spr.  in
starker  und  schwacher  Doppelform,  ahd.  chern  und  cherno,
kerno,  mhd.  mund.  kerne  und  kern,  uhd.  starkformig,
mit  dem  Plur.  koerne,  früher  auch  kerner  neben  schwachem
kernen:  vier  kerner  Sebiz  337;  die  kernen  ebd.;  im
Ablaut  zu  korn  (s.  d.).  Im  eigentl.  Sinne,  kern  des
obstes,  der  äpfel,  birnen,  kirschen,  pflaumen,  nusse,
mandeln,  weinbeeren;  schön  obs  vom  kern  zu  zielen

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Kern.