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Da Luxusverbote in der Gegenwart nicht mehr
in Frage kommen, so bleibt von den gegen den
Luxus gerichteten Maßregeln nur die Besteue-
rung übrig. Die Zweckmäßigkeit und Durch-
führbarkeit solcher Steuern ist in der Staats-
wissenschaft sehr umstritten. Sie haben ja für das
Gerechtigkeitsgefühl des Menschen sehr viel An-
sprechendes, und es könnte, wenn der Luxus recht
teuer bezahlt werden muß, eine bedeutende Ent-
lastung der minder bemittelten Volksschichten her-
beigeführt werden. Aber anderseits macht man
auf die großen Schwierigkeiten der Durchführung
einer allgemeinen Besteuerung und die Unerträg-
lichkeit der dadurch notwendig gemachten staat-
lichen Kontrollmaßregeln aufmerksam. Dazu
kommt, daß einige dieser Steuern geradezu kultur-
hemmend wirkten, wie die französische Fenster-
steuer, die zur Folge hatte, daß den Wohnungen
die nötige Luft= und Lichtzufuhr fehlte, oder die
englische Pferdesteuer, welche im Interesse der
Pferdezucht aufgehoben werden mußte. Ihr Ziel,
den Luxus einzuschränken, erreichen diese Steuern
nur sehr unvollkommen, da entweder die Reichen
sich aus der Besteuerung nicht viel machen oder
sich einem andern Gebiete des Luxus zuwenden.
Ja diese Steuern bezwecken eine solche Einschrän-
Machiovelli.
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kung des Luxus gar nicht, da sie mehr oder weniger
unverblümt fiskalische Absichten verfolgen. Immer-
hin enthalten sie einen berechtigten Kern, wenn
auch der Erfolg nicht im Berhältnis zu den auf
sie gestützten Erwartungen steht. Ubrigens fragt
es sich, ob ihr Mißerfolg nicht zum Teil mit der
Schwerfälligkeit und Unbeholfenheit des früheren
Finanzwesens zusammenhängt, und ob nicht heute
bei einer technisch mehr entwickelten Steuerpolitik
der Erfolg ein besserer wäre. Gegenwärtig haben
nur noch wenige Staaten Luxussteuern. Mit der
Entwicklung der Einkommensteuer verloren sie
überall an Boden.
Literatur. Roscher, über den Luxus (1843);
Baudrillart, Histoire du luxe privé et public
(4 Bde, Par. 1878/80); Laveleye, Le luxe (Ver-
viers 1887; deutsch 1893); v. Bilinski, Die Luxus-
steuer als Korrektiv der Einkommensteuer (1875);
Ammon, Die Gesellschaftsordnung in ihren natürl.
Grundlagen (1900) 84 ff; Gurnwitsch, Die Ent-
wicklung der Bedürfnisse (1903); Sommerlad, Art.
„Luxus“, im Handwörterbuch der Staatswissen-
schaften V (21900) 640 ff. — Pesch, Lehrbuch der
Nationalökonomie II (1909) 684, 706 ff; Seipel,
Die wirtschaftl. Lehren der Kirchenväter (1907);
Schilling, Eigentum u. Reichtum in der altkirchl.
Literatur (1908). Walter.)
Al.
Machiavelli, Niccold, florentinischer
Staatsmann, wurde geboren (am 3. Mais) 1469
zu Florenz aus einem angesehenen, aber wenig
begüterten Stadtgeschlechte. Er wuchs in der
Schwärmerei der Zeit für den heidnischen Hu-
manismus auf, nach dessen Idealen sein Denken
und Trachten, sein öffentliches und privates Leben
sich gestaltete. Im Juli 1498 wurde er Sekretär
der Kanzlei des Rates der Zehn, der leitenden
Behörde der florentinischen Republik, und in dieser
Stellung zu wichtigen diplomatischen Sendungen
verwendet, die ihn nach Forli, Pisa, in die Ro-
magna zu dem Herzog Valentino Cesare Borgia),
wiederholt nach Rom, einmal nach Frankreich und
durch den größten Teil Italiens führten und so
ihm die beste Gelegenheit zur Ausbildung seiner
scharfen Beobachtungs= und Urteilsgabe boten.
Daneben war er mit der Bildung eines nationalen
Söldnerheeres beschäftigt. Der Sturz der Repu-
blik (1512) und die Wiederaufnahme der seit
1494 vertriebenen Medici machten seiner amt-
lichen Tätigkeit ein Ende. Der Verdacht der
Teilnahme an einer Verschwörung gegen den
Kardinal Giovanni de' Medici brachte ihn in den
Kerker. Die Folter, der er unterworfen, und die
Verweisung aus der Stadt, die über ihn verhängt
wurde, verschärfte seine und seiner nicht kleinen
Familie traurige Lage, da er das geringe elterliche
Vermögen mit seinem Bruder hatte teilen müssen.
Erst nachdem der Kardinal als Leo X. (1518) den
päpstlichen Stuhl bestiegen hatte, wurde ihm die
Rückkehr in die Vaterstadt gestattet.
Als Ratgeber des Kardinals Giulio Mediei,
der im Namen Leos X. Florenz verwaltete, ver-
besserte er seine gedrückte Lage keineswegs in der
erhofften Weise. Der Verdacht der Teilnahme an
einer neuen Verschwörung gegen die Medici ent-
fernte ihn abermals von den öffentlichen Geschäften,
und erst nachdem Giulio Medici als Klemens VII.
(1523) Papst geworden war, wurde Machioavellis
Lage ein wenig gebessert. Ruhmstucht, literarische
Eitelkeit, sinnliche Genüsse, Schöngeisterei, wie
seine Zeit und Umgebung sie liebte, kalte spöttische
Zynismen, Tagespolitik und obszöne Komödien
mußten ihm über seine Untätigkeit, seine innere
Ode hinweghelfen. Der vertraute Briefwechsel,
den er mit seinem glücklicheren Freunde, dem
florentinischen Gesandten in Rom, Francesco
Vettori führte (Le lettere familiari an Vettori,
Soderini u. a., hrsg. von Alvisi, Florenz 1883),
bietet von alledem ein so widerwärtiges, immerhin
der Zeit und dem Politiker so genau entsprechen-
des Charakterbild, daß Ludwig Pastor, der Ein-
blick in die editio integra dieser Briefe hatte, auf
die Anstandsrücksichten hinweisen muß, die deren
Sekretierung veranlaßt haben. Wenn auch Ma-
chiavelli in der Offenlegung eines dem Trinkgelage
und der Jagd auf Liebesabenteuer ohne alle