Full text: Staatsbürgerliche Belehrungen in der Kriegszeit. Band 2. (2)

320 Dr. Paul Landau 
von Sommeranzügen, denn sie waren über sechs Wochen seit ihrer Gefangen- 
nahme unterwegs in Viehwagen und Gefängnissen; am letzten Tage hatten 
sie einen etwa 50 km langen Weg von Charibali her zu Fuß gemacht und 
waren verurteilt, am nächsten Tage weitere 70 km nach Nikolsk zu gehen. 
Ein Lehrer, der geistige Führer der armen Schar, gleich allen im zerfetzten 
Anzüge, mit Schmutz und Läusen besät, bat für alle um Gelegenheit zum 
Waschen und womöglich etwas warme Kleidung. Die russischen Behörden 
beschränkten sich darauf, diese armen, kranken und entkräfteten Menschen 
in die Ortschaften hineinzutreiben, ohne ihnen zunächst die geringste Unter- 
stützung zu gewähren. Die späteren Transporte bestanden aus Personen 
beiderlei Geschlechts, deren Lebensalter sich auf alle Stufen, von zwei Monaten 
bis zu 95 Jahren, verteilte. Ich erwähne besonders, daß darunter 40 Knaben 
und Mädchen unter zwölf Jahren waren. Die Transportdauer von der 
Grenze bis Jenotajewsk war bis zu zehn Wochen — manche waren unter- 
wegs gestorben; drei Säuglinge erfroren in den Armen ihrer Mütter 
während des letzten Marschtages.“ In den Gefangenenlagern, in denen 
sie untergebracht wurden, steigerten sich diese Leiden noch ins Grenzenlose. 
c) Umfang des Schadens. Flüchtlingsbewegung. 
Die Verluste an Menschenleben, die die Zivilbevölkerung Ostpreußens 
durch die Russeneinfälle erlitten hat, betragen nach den amtlichen, an- 
näherungsweise richtigen Feststellungen 1620 Tote, 433 Verwundete, 
10 725 Verschleppte, von den letzteren 5419 Männer, 2587 Frauen, 
2719 Kinder. Doch sind diese Zahlen aus dem Frühjahre 1915 wohl noch 
zu niedrig, vor allem die der Toten. Die Zahl der völlig zerstörten Gebäude 
in den Städten betrug im Regierungsbezirk Allenstein 1390, im Regierungs- 
bezirke Gumbinnen 967, im Regierungsbezirke Königsberg 552, im ganzen 
2909; die Anzahl der völlig zerstörten Gebäude auf dem Lande im Regie- 
rungsbezirke Gumbinnen 12 285, im Regierungsbezirke Allenstein 7449, im 
Regierungsbezirke Königsberg 1766, zusammen 21 500. Die Gesamtzahl 
der völlig zerstörten Gebäude in Stadt und Land belief sich auf 24 409. Dazu 
kommen noch fast 10 000 Gebäude, die zum größten oder großen Teil zer- 
stört sind, so daß sich die Zahl der von Brand- und Trümmerschäden betrof- 
fenen Bauten auf rund 34 000 beziffert. Es sind 35 ostpreußische Städte 
und etwa 1000 andere Ortschaften durch Gebäudezerstörungen geschädigt. 
Einen noch weit über das Maß der Gebäudeschäden hinausgebenden Um- 
fang hatten die landwirtschaftlichen Schäden. Die Zahl des verlorenen 
Viehes wird mit 872 000 Stück berechnet, wovon 280 000 Stück Schweine, 
237 000 Stück Rindvieh, 186 0O0O0 Stück Hferde, 160 000 Stück Schafe und 
140 000 Stück Ziegen waren. Möbel und Hausrat waren in mindestens 
100 000 Wohnungen völlig, in fast ebenso vielen teilweise vernichtet. Der 
Gesamtschaden wird auf 1¼ bis 1½ Milliarde Mark geschätzt. 
Bedeutender Schaden und viel Herzeleid ist auch durch die Flücht- 
lingsbewegung hervorgerufen worden, deren trauriger, tief ergreifender 
Strom bei seinem Erscheinen in den andern Provinzen dem übrigen