42 Dr. Otto Hoetzsch
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Ungarn, wofür noch sehr viel fehlt. Die geistigen Beziehungen zwischen
uns und Österreich-Ungarn können gar nicht eng genug gezogen werden.
Zu ihnen gehört aber auch die Beschäftigung mit den nichtdeutschen Unter-
tanen des Donaustaates. Schließlich sind die Deutschen in Österreich, wie
im Reich auch daran schuld gewesen, wenn sich unter den österreichischen
Slawen panslawistische Gedanken breit machten. Wer hat sich denn bei
uns um das wirtschaftliche Leben oder das geistige Sein der Tschechen und
Polen, der Ruthenen und Südslawen gekümmert. Mit mitleidigem Lächeln
über die Kulturunfähigkeit der österreichischen Slawen ist es nicht mehr
getan. Auch hier gilt es Verständnis zu erwecken; es ist kein Ruhm für uns,
daß die eingehendsten Werke über diese Fragen von Engländern und Fran-
zosen geschrieben worden sind. Das gleiche ist von dem ungarischen Staat
in allen seinen Bestandteilen zu fordern, den wir gewöhnlich nur aus persön-
lichen Beziehungen zu den Siebenbürger Sachsen kennen.
Der Krieg erweist heute für die Welt, wie die beiden Staaten Öster-
reich und Ungarn zusammengehören. Dreierlei halte man sich dabei nun
im allgemeinen vor Augen. Zunächst: es kann in Österreich-Ungarn nicht
alles auf dieselbe Weise geben wie bei uns. Wir haben im Norden und
Süden unseres Reiches auch Unterschiede, und wie wir das uns gegenseitig
zugestehen, so müssen wir es auch im Leben unseres Verbündeten. Sodann:
Österreich-Ungarn soll den Staatsgedanken und die nationale Idee in ein
ganz besonderes Verhältnis bringen. Sicherlich wird das vor der Theorie,
die die Dinge schön ordnet, niemals ganz bestehen können, aber im Völker-
leben regiert nicht die Theorie, sondern die harte Praxis. Schließlich aber
muß der Krieg lehren, was die ganze Geschichte Österreich-Ungarns lehrt,
die Wucht und Kraft, die in diesem Festungsdreieck der Alpen, Sudeten und
Karpathen liegt, in der natürlichen Zusammenfassung ihrer am Donaulauf
gelegenen verschiedenartigen Bestandteile. Das übersieht man so oft und
das erklärt doch allein, warum trotz aller inneren Gegensätze dieser Staat
nicht auseinander fällt, sondern, wie man es scherzhaft, aber richtig aus-
gedrückt hat, schon durch die Karte zusammengehalten wird. Darin liegt
aber die Gewähr für das Vertrauen auf die Zukunft dieses Staates, ohne
die unsere Hoffnungen auf die engeren Beziehungen mit ihm nur Seifen-
blasen wären.
C. Bulgarien.
I. Die Entwicklung Bulgariens bis zum Berliner Kongreß (1828).
Am 6. September 1915 — das ist der historische Tag, den wir uns zu
merken haben — sind die Verträge zwischen den Zentralmächten, der Türkei
und Bulgarien unterzeichnet worden, durch die Bulgarien entschlossen auf
die Seite unseres Bundes trat. Bis dahin hatte es eine neutrale Haltung
angenommen und hatten in ihm die verschiedenen Richtungen erbittert mit-
einander gekämpft, so daß es lange unsicher blieb, auf welche Seite es sich
schlagen würde. Ehe wir die so gewonnene Grundlage unserer Beziehungen
zu dem neuen Bundesgenossen schildern, werfen wir einen Blick auf die