Full text: Staatsbürgerliche Belehrungen in der Kriegszeit. Band 2. (2)

44 Dr. Otto Hoetzsch 
Und die Geschichte des ersten und des zweiten bulgarischen Reichs ist dadurch 
gekennzeichnet, daß die Tendenzen dieses Landes zwischen Osten und Westen 
schwanken. 
2. Der Höhepunkt des ersten bulgarischen Reiches ist die Regierungszeit 
des Zaren Simeon des Großen, 888—927. Sie bedeutet eine erstmalige 
staatliche Organisierung der Balkanhalbinsel unter der bulgarischen Führung. 
Sein Reich reicht von der Küste des Schwarzen Meeres, so wie sie heute 
noch bulgarisch ist, bis an die Küste des Agäischen Meeres, wo nur die alten 
griechischen Städte sich leidlich selbständig erhielten, und herüber bis an die 
Adria, bis nach Durazzo und der Mündung der Drina. Aber dieses Reich 
zerfiel genau so wie das zweite bulgarische Reich, in dem der Zar Asen II. 
(1218—1241) noch einmal, wenn auch in beschränkterem Umfange, die 
Idee des großen Simeon in die Wirklichkeit umsetzte. Es zerfiel, aber die 
Erinnerung an diese Idee ist im bulgarischen Volke bis auf den heutigen 
Tag lebendig geblieben; sie bildet recht eigentlich das tragende und erhebende 
Moment in der ganzen Geschichte ihrer Freiheitskriege und der Kämpfe 
der Gegenwart. Nur daß man sich heute darauf beschränkt, die nationale 
Einigung aller bulgarischen Gebiete durchzuführen und nur soviel darüber 
hinaus zu gewinnen, als für den Zugang zu den Meeresküsten und für die 
notwendigen Häfen erforderlich ist. 
Gelang es also nicht, diese große Idee dauernd aufrecht zu erhalten, 
so mußte damit auch der Zusammenhang nach dem Westen und Nord- 
westen hin dünner und dünner werden. Nach Nordwesten legte sich 
das serbische Reich dazwischen, das unter seinem großen Zaren Stefan 
Duschan (1336—1356) zum ersten Male als erbitterter Konkurrent, ja 
Todfeind Bulgariens auftrat. Und nach Norden wurde die Verbindung 
durch die Donaufürstentümer Moldau und Walachei und weiterhin durch 
Ungarn unterbrochen. Dadurch aber wurden die nach Osten weisenden 
Tendenzen dieses Volkes und Staats die stärkeren. Dafür lagen in ihm 
selbst bereits sehr wichtige Voraussetzungen. 
b) Bulgarien unter russischem Einfluß. 
1. Die Bulgaren sind aus dem Osten gekommen, und zwar aus dem fernen 
Osten. Das muß zuerst festgehalten werden, daß die Bulgaren zu einem erheb- 
lichen Teil ihres Volkstums keine Slawen sind. Wer zum erstenmal einen 
der maßgebenden Generale oder Staatsmänner Bulgariens persönlich oder im 
Bilde sieht, wie den Ministerpräsidenten Radoslawow, den Generalissimus 
Schekow, den General Bojadschiew, der sagt sofort unwillkürlich, daß diese 
Gesichter mongolische Züge tragen. Das ist auch ganz richtig. Die Grund- 
lage des bulgarischen Volkstums, vor allem in seinen herrschenden Schichten, 
ist asiatischer Natur, oder, wenn man es genauer bezeichnet, mongolischer 
Art, dieselbe, wie die der benachbarten Madjaren oder der Finnen, deren 
Brüder rassenmäßig die Bulgaren genannt werden können, oder der osmani- 
schen Türken, als deren Vettern sie denn zu bezeichnen wären. Im 7. Jahr- 
hundert sind diese Reiterschwärme durch die Steppen des südlichen Ruß- 
lands zu Lande in die Donaugegenden eingewandert und haben sich dort