III. Die wichtigsten feindl. Staaten nach ihren wirtschaftl. Beziehungen usw. 83
der letzten notwendigen Rüstungen und Eisenbahnbauten verwirklicht werden
sollte, wurde daher jetzt schon für den Sommer 1914 gefaßt. Frankreichs
war man in St. Petersburg sicher; es kam darauf an, ob England gleichfalls
mitmachen würde. Die Furcht, es könne bei längerem Zögern überhaupt
abspringen, war wie gesagt der entscheidende Grund für Rußland, den
Krieg zu beschleunigen. In der Tat glückte es den Russen, unterstützt durch
die zum Kriege treibende Partei in England, das in sich uneinige und schwan-
kende englische Ministerium mit für den Krieg herumzureißen. Ausschlag-
gebend für die englische Kriegspartei und für die beiden leitenden Minister
Asquith und Grev war die Überzeugung, der Krieg werde nicht lange dauern,
da durch Englands Beitritt Deutschland jedenfalls bald auf die Knie ge-
zwungen werden würde. Diese Meinung, in der England sich zu seinem
Schaden so schwer täuschen sollte, hat Grev bei Beginn des Krieges öffentlich
im englischen Parlament ausgesprochen. Seine Absicht war, den Krieg zu
benutzen, um Deutschland, soweit es für die englischen Interessen erforderlich
war, zu schwächen, seinen Handel und seine Flotte zu zerstören, aber ein
Reststück der deutschen Macht auf dem europäischen Festland im englischen
Interesse gegen Rußland und Frankreich stehen zu lassen. Uber diese gewissen-
lose, eigensüchtige und kurzsichtige Politik hat mittlerweile der Weltkrieg
sein Urteil gesprochen.
C. Frankreich.
I. Frankreich als Wirtschaftsmacht.
Frankreich ist als Wirtschaftsmacht eine bedeutende Größe, aber im
Vergleich zu England, Deutschland und den Vereinigten Staaten doch eine
Größe zweiter Ordnung. Der tiefste Grund dafür ist die Kinderarmut des
französischen Volkes. Die geographische Lage Frankreichs an den drei oder
vier verkehrsreichsten Meeren der Welt ist unvergleichlich günstiger, als die
Deutschlands; ebenso übertrifft es Deutschland an Fruchtbarkeit. Dagegen
hat es weniger Eisen und Kohle. An Kohle gewinnt es nur den sechsten
Teil der deutschen Erzeugung, und an Roheisen den dritten Teil. Bei weitem
das meiste von der französischen Schwerindustrie liegt im Norden und Nord-
osten, denjenigen Gebieten, die gleich zu Anfang des Krieges durch das
deutsche Heer besetzt wurden. Frankreich bezieht Kohle aus Belgien, Deutsch-
land und England, und muß auch einen Teil seines Erzbedarfs einführen.
Das eigentliche große Feld der französischen Industrie sind nicht das
schwere Metallgewerbe, die Kohlenförderung, überhaupt nicht die Produktion
von Massenwaren, sondern es sind die Luxusartikel. Die Bekleidungs- und
die Modewarenindustrie, Möbel, Bronzen, Schmuck, Gemälde, vor allem
aber Seidenwaren, machen die Stärke Frankreichs auf dem Weltmarkt aus.
Außerdem kommen mit sehr großen Werten Weinbau, Obst, Gemüse- und
Geflügelzucht in Betracht. Luxuswaren und feine Lebensmittel sind z. B.
die Hauptausfuhrartikel Frankreichs nach England.
Die französische Ausfuhr nach England ist etwa 1¼ Milliarden Mark
wert, die englische Ausfuhr nach Frankreich 0,9 Milliarden. Zwischen Frank-
6*