84 Dr. Paul Rohrbach
reich und Deutschland ist das Verhältnis umgekehrt: Frankreich bezog von
uns Waren für 800 Millionen Mark und schickte uns solche für nicht ganz
600 Millionen. Dabei überwiegen in der Lieferung Frankreichs für uns
die feinen Fabrikate und Genußmittel, sowie einige zur Veredelung bestimmte
Rohstoffe, während die Hauptposten unserer Ausfuhr nach Frankreich Kohlen,
Getreide, Eisenerze, Chemikalien, Felle und Maschinen waren. Da Frank-
reich imstande ist, sich sowohl mit Lebensmitteln als auch mit den meisten
erforderlichen Rohstoffen in der Hauptsache selbst zu versorgen — namentlich
bringt es in normalen Jahren genügend Getreide für seinen eignen Bedarf
hervor — so ist damit eine große natürliche Festigkeit der französischen
Volbswirtschaft gegeben. Zwar müssen z. B. Baumwolle und Wolle sowie
manche Metalle, auch italienische Rohseide, eingeführt werden, aber die
schweren Massenfabrikate sind so wenig Sache der französischen Industrie,
daß auch die Einfuhr in den entsprechenden Rohstoffen für Frankreich nicht
entfernt dieselbe Rolle spielt, wie für England oder Deutschland. Es ist
überhaupt nicht französische Art, auf industriellem Gebiete viel zu unter-
nehmen und zu wagen. Frankreich ist ein Land, dessen Ausfuhrproduktion
überwiegend für reiche Völker oder reiche gesellschaftliche Schichten bestimmt
ist. Auf diese wird die französische Ware immer eine große Anziehung aus-
üben. Für Deutschland folgt daraus aber, daß je mehr sich der deutsche Ge-
schmack selbständig entwickelt und je mehr die deutsche Industrie imstande
ist, auch besondere Ansprüche zu befriedigen, um so mehr die Notwendigkeit
französischer Einfuhr zu uns abnelhmen wird, während wir umgekehrt den
Franzosen dauernd unentbehrlich bleiben werden (s. Artikel IV Ba).
II. Das politische Verhältnis zu Deutschland.
Weniger als bei irgendeinem andern Lande sind unsere Beziehungen
zu Frankreich sowohl jetzt als auch früher durch wirtschaftliche Tatsachen
oder Gegensätze bestimmt worden — um so mehr dagegen durch den beider-
seitigen politischen Willen. Die ganze Entwicklung des politischen Verhält-
nisses zwischen Frankreich und Deutschland seit der Wiedererrichtung des
Deutschen Reiches verläuft daher auch in wesentlich einfacheren Linien, als
es zwischen Deutschland und Rußland oder Deutschland und England der
Fall ist. Das zweite französische Kaiserreich, das Napoleon III. den Fran-
zosen damit im voraus schmackhaft zu machen versuchte, daß er ihnen
versicherte, es werde der Friede sein, führte schon wenige Jahre nach
seiner Errichtung im Verein mit England den Krimkrieg gegen Rußland.
Es führte danach 1859 den italienischen Krieg gegen Österreich, unternahm
die verfehlte Expedition nach Mexiko und fand sein Ende, weil es nicht
imstande war, das unter Preußens Führung geeinte neue Deutschland zu
besiegen. Warum aber ist Frankreich überhaupt in den 1870 er Krieg mit uns
hineingeraten?
a) Das System Napoleons III. strebte einen tatsächlichen Absolutismus
an, unter Vernachlässigung der moralischen Grundlagen des Staatslebens
und der bürgerlichen Gesellschaft, aber unter Aufrechterbaltung des demo-
kratischen Scheins mit Hilfe mehr oder weniger unaufrichtiger parlamen-