III. Die wichtigsten feindl. Staaten nach ihren wirtschaftl. Beziehungen usw. 80
dargestellt werden konnten, und der auf gemeinsame Veranlassung der fran-
zösischen Kriegspartei und des russischen Botschafters in Paris vollführte
Mord des Friedensfreundes Jaures besiegelten dann das Schicksal Frankreichs.
D. Italien.
I. Das Wirtschaftsleben Italiens.
Italiens Land wirtschaft und Industrie sind gleich schwach entwickelt.
Das Land hat fast gar keine Kohle und es hat auch zu wenig Eisen. Für diese
beiden Grundpfeiler der modernen Industrie ist es vom Ausland abhängig;
für die Kohle in erster Linie von England. Das war mit ein Grund dafür,
daß die Italiener im Weltkrieg es nicht wagten, eine andere Politik zu machen,
als England sie ihnen vorschrieb. Der dritte Mangel des italienischen Wirt-
schaftslebens ist Kapitalschwäche. Während des letzten Jahrzehnts vor dem
Kriege hatte eine starke Einwanderung deutschen Kapitals und deutschen
geschäftlichen Unternehmungsgeistes nach Italien stattgefunden. Fast die
ganze, mit Hilfe der Wasserkräfte und der eingeführten Kohle aufblühende
elektrische Industrie in Italien war deutscher Herkunft. Am besten entwickelt
ist noch Oberitalien, wo von der Zeit des frühen Mittelalters her, den Goten
und Langobarden, ein Einschlag germanischen Blutes vorhanden ist.
Italien hat außer Reis, Öl, Gemüsen, Südfrüchten und Wein als ein-
zigen großen Ausfuhrartikel nur Seide. Höchstens Schwefel und Teigwaren
(Makkaroni) wären daneben zu nennen. Unsere Einfuhr aus Italien ist nur
etwas über 300 Millionen, unsere Ausfuhr dorthin 400 Millionen Mark
vor dem Kriege wert gewesen. In allen wesentlichen Dingen könnten wir
ebensogut ohne Italien leben. Für den Südfruchthandel z. B. und für
billige Weine könnte uns Spanien dasselbe liefern. Italien hat aber trotz
der geringen Masse seines wirtschaftlichen Lebens während der letzten beiden
Jahrzehnte einen gewissen Aufschwung genommen. Das kam daher, daß
es über zwei Aktivposten ganz eigentümlicher Art verfügte: den gewaltigen
Fremdenzufluß und die Hunderttausende von Wanderarbeitern, die es alljähr-
lich ins Ausland schickte, vor allem nach Süd- und Nordamerika. So kam ein
genügender Kapitalzufluß zustande, der das Leben des Landes befruchtete.
II. Das politische Verhältnis zu Deutschland.
Die politische Entwicklung Italiens und Deutschlands im 19. Jahr-
hundert steht insofern unter einem ähnlichen Zeichen, als beide Nationen
aus dem Gustande staatlicher Zerrissenheit zur Einheit gelangten. In Italien
ist der Erfolg in dieser Beziehung allerdings vollkommener gewesen als in
Deutschland, denn es gibt heute kaum anderthalb Millionen Italiener, die
außerhalb des politischen Verbandes mit dem Königreiche stehen. Das
deutsche Volkstum dagegen ist, wenn man nur seinen geschichtlich zusammen-
gehörigen Bestand rechnet, ohne Rücksicht auf die abgetrennten Splitter, in
zwei große Teile, das Deutsche Reich und Österreich, geschieden. Trotzdem
spielt in der italienischen Politik die Irredenta, das sogenannte unerlöste
Italien, eine verhängnisvolle Rolle.