102 Aenderung der italienischen Politik Napoleons? Rußland und England.
erkennung der konservativen Haltung, welche die französische Politik in den letzteren Tagen
nehmen zu wollen scheine. „Ich erblicke darin teilweis,“ sagte er, „eine Frucht der
energischen Sprache, welche Rußland in Paris hat führen lassen.“
Allerdings muß das Wort Rußlands in Paris von Gewicht sein, wenn der Kaiser
Napoleon die Lage der Dinge in demselben Lichte erblickt wie Fürst Gortschakow, der mir
zu verstehen gab, daß nur Rußland den Abschluß einer Koalition gegen Frankreich noch
aufhalte, denselben aber in der Hand habe, nachdem England ihn angelegentlich betreibe,
sich zu diesem Behufe dem hiesigen Kabinett zu nähern suche und an der Bereitwilligkeit
der deutschen Mächte zum Beitritt nicht gezweifelt werde. Rußland würde, um einen
entscheidenden Druck auf die Entschließungen Napoleons zu üben, gewiß¹) in einer überaus
günstigen Lage sein, wenn es Deutschlands und Englands²) Geneigtheit zum Kriege
gegen Frankreich als Operationsbasis annehmen kann, auf welche gestützt es nach Belieben
entweder die Hand zu einer übermächtigen Koalition zu bieten oder ein gewisses Gleichgewicht
zugunsten Frankreichs herzustellen vermag. Ob die Dinge soweit gediehen sind, ob zu
diesem Zweck Fürst Gortschakow zu unserer Verständigung mit Oesterreich hilfreiche
Hand geleistet hat,³) und dieselbe vielleicht nicht ungern in einem für Frankrreich bedrohlichen
Lichte erscheinen sieht, lasse ich dahingestellt sein. Bei Oesterreich mag die Neigung
zu einer aggressiven Koalition gegen Frankreich und Sardinien sehr stark, von England
muß sie, nach den Aeußerungen des Fürsten, als bestimmtes Ziel ins Auge gefaßt sein, und
wenn wir in dieselbe Bahn eintreten, so würde Napoleons mutmaßliches Verderben oder
mögliche Rettung in der Hand Rußlands liegen. Durch andere Gläser als die mir vom
Fürsten Gortschakow vorgehaltenen betrachtet, erscheint aber die englische Politik wohl⁴)
kaum geneigt, der russischen eine so entscheidende Rolle zufallen zu lassen, und dürfte das
Vertrauem zwischen dem Londoner und dem hiesigen Kabinette schwerlich schon so weit
erstarkt sein, daß ersteres seine Interessen für sichergestellt halten würde, wenn es sich jede
Rückkehr zur Anlehnung an Frankreich abschneidet.
Jedenfalls würde es nach der Meinung des Fürsten Gortschakow eine unrichtige und
leidenschaftliche Politik sein, wenn man die falsche Lage, in welcher der Kaiser Napoleon
durch seine Fehler und durch die unerwartete Entwickelung der italienischen Bewegung geraten
ist, benutzen wollte, um ihn zu verzweifelten Schritten zu treiben. Wolle er, in
richtiger Würdigung der Gefahren, welche seine gewagte Politik für alle europäischen
Throne heraufbeschworen habe, in bessere Wege einlenken, so würde man nach Ansicht des
Fürsten eine schwere Verantwortung auf sich laden, wenn man willkürlich und ohne
zwingende Not Europa in einen allgemeinen Krieg stürzte, dessen Ergebnisse immer nicht
nach allen Richtungen hin sich abmessen ließen. Im gegenwärtigen Augenblicke lägen
aber bemerkenswerte Symptome einer solchen Wendung der französischen Politik vor.
Napoleon habe nach London und nach Turin teils amtliche teils vertrauliche Erklärungen
gegeben, aus denen hervorgehe, daß er Sardinien, wenn Oesterreich zum Kriege provoziert
werde, jede Unterstützung versagen, daß er dem republikanischen und selbst dem unitarischen
1) „gewiß“ fehlt im Konzept.
2) Im Konzept hinter „Englands" noch die Worte „Feindschaft und“. In der Ausfertigung steht ursprünglich
dafür „Freundschaft und“. Diese Worte sind dann durchstrichen.
3) Vgl. Nr. 70, 72, 73, 74, 75.
4) Konzept: noch.