Full text : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 3. (3)

102  Aenderung  der  italienischen  Politik  Napoleons?  Rußland  und  England.

erkennung  der  konservativen  Haltung,  welche  die  französische  Politik  in  den  letzteren  Tagen
nehmen  zu  wollen  scheine.  „Ich  erblicke  darin  teilweis,“  sagte  er,  „eine  Frucht  der
energischen  Sprache,  welche  Rußland  in  Paris  hat  führen  lassen.“

Allerdings  muß  das  Wort  Rußlands  in  Paris  von  Gewicht  sein,  wenn  der  Kaiser
Napoleon  die  Lage  der  Dinge  in  demselben  Lichte  erblickt  wie  Fürst  Gortschakow,  der  mir
zu  verstehen  gab,  daß  nur  Rußland  den  Abschluß  einer  Koalition  gegen  Frankreich  noch
aufhalte,  denselben  aber  in  der  Hand  habe,  nachdem  England  ihn  angelegentlich  betreibe,
sich  zu  diesem  Behufe  dem  hiesigen  Kabinett  zu  nähern  suche  und  an  der  Bereitwilligkeit
der  deutschen  Mächte  zum  Beitritt  nicht  gezweifelt  werde.  Rußland  würde,  um  einen
entscheidenden  Druck  auf  die  Entschließungen  Napoleons  zu  üben,  gewiß¹)  in  einer  überaus
  günstigen  Lage  sein,  wenn  es  Deutschlands  und  Englands²)  Geneigtheit  zum  Kriege
gegen  Frankreich  als  Operationsbasis  annehmen  kann,  auf  welche  gestützt  es  nach  Belieben
entweder  die  Hand  zu  einer  übermächtigen  Koalition  zu  bieten  oder  ein  gewisses  Gleichgewicht
zugunsten  Frankreichs  herzustellen  vermag.  Ob  die  Dinge  soweit  gediehen  sind,  ob  zu
diesem  Zweck  Fürst  Gortschakow  zu  unserer  Verständigung  mit  Oesterreich  hilfreiche
Hand  geleistet  hat,³)  und  dieselbe  vielleicht  nicht  ungern  in  einem  für  Frankrreich  bedrohlichen
  Lichte  erscheinen  sieht,  lasse  ich  dahingestellt  sein.  Bei  Oesterreich  mag  die  Neigung
zu  einer  aggressiven  Koalition  gegen  Frankreich  und  Sardinien  sehr  stark,  von  England
muß  sie,  nach  den  Aeußerungen  des  Fürsten,  als  bestimmtes  Ziel  ins  Auge  gefaßt  sein,  und
wenn  wir  in  dieselbe  Bahn  eintreten,  so  würde  Napoleons  mutmaßliches  Verderben  oder
mögliche  Rettung  in  der  Hand  Rußlands  liegen.  Durch  andere  Gläser  als  die  mir  vom
Fürsten  Gortschakow  vorgehaltenen  betrachtet,  erscheint  aber  die  englische  Politik  wohl⁴)
kaum  geneigt,  der  russischen  eine  so  entscheidende  Rolle  zufallen  zu  lassen,  und  dürfte  das
Vertrauem  zwischen  dem  Londoner  und  dem  hiesigen  Kabinette  schwerlich  schon  so  weit
erstarkt  sein,  daß  ersteres  seine  Interessen  für  sichergestellt  halten  würde,  wenn  es  sich  jede
Rückkehr  zur  Anlehnung  an  Frankreich  abschneidet.

Jedenfalls  würde  es  nach  der  Meinung  des  Fürsten  Gortschakow  eine  unrichtige  und
leidenschaftliche  Politik  sein,  wenn  man  die  falsche  Lage,  in  welcher  der  Kaiser  Napoleon
durch  seine  Fehler  und  durch  die  unerwartete  Entwickelung  der  italienischen  Bewegung  geraten
  ist,  benutzen  wollte,  um  ihn  zu  verzweifelten  Schritten  zu  treiben.  Wolle  er,  in
richtiger  Würdigung  der  Gefahren,  welche  seine  gewagte  Politik  für  alle  europäischen
Throne  heraufbeschworen  habe,  in  bessere  Wege  einlenken,  so  würde  man  nach  Ansicht  des
Fürsten  eine  schwere  Verantwortung  auf  sich  laden,  wenn  man  willkürlich  und  ohne
zwingende  Not  Europa  in  einen  allgemeinen  Krieg  stürzte,  dessen  Ergebnisse  immer  nicht
nach  allen  Richtungen  hin  sich  abmessen  ließen.  Im  gegenwärtigen  Augenblicke  lägen
aber  bemerkenswerte  Symptome  einer  solchen  Wendung  der  französischen  Politik  vor.
Napoleon  habe  nach  London  und  nach  Turin  teils  amtliche  teils  vertrauliche  Erklärungen
gegeben,  aus  denen  hervorgehe,  daß  er  Sardinien,  wenn  Oesterreich  zum  Kriege  provoziert
werde,  jede  Unterstützung  versagen,  daß  er  dem  republikanischen  und  selbst  dem  unitarischen

1)  „gewiß“  fehlt  im  Konzept.

2)  Im  Konzept  hinter  „Englands"  noch  die  Worte  „Feindschaft  und“.  In  der  Ausfertigung  steht  ursprünglich
  dafür  „Freundschaft    und“.  Diese  Worte  sind  dann  durchstrichen.

3)  Vgl.  Nr.  70,  72,  73,  74,  75.  

4)  Konzept:  noch.