110 Montebello über das türkische Erbe. Polignacs „großer Plan“.
Ich erwiderte, daß in der Richtigkeit dieser Ansicht ohne Zweifel eine verstärkte
Aufforderung für uns beide läge, die Türkei zu erhalten, wie wir könnten. Der Bot-
schafter gab dieß zu, wiederholte aber, daß der Moment sich nähere, wo keine mensch-
liche Macht dieses Leben werde verlängern können, und daß diese Ansicht selbst in
England sich Bahn breche. Er fragte mich dann, lediglich im Tone geschäftsloser causerie,
ob mir die zwischen Frankreich und Rußland vor dem Frieden von Adrianopel
gepflogenen Berhandlungen bekannt seien; auf meine verneinende Antwort sagte er: Auch
damals glaubte man schon, daß der letzte Augenblick des osmanischen Reichs gekommen
sei, und der Herzog von Angouleme verlangte, daß man sich mit England über die
daraus folgenden Eventualitäten verständigen solle; die Minister Carls 10. entschieden
sich aber in mehren Sitzungen für continentale Verabredungen, in erster Linie mit
Rußland, als dem voraussichtlich factischen Besitzer Constantinopels. In denselben
wurde darauf Bedacht genommen, Preußen die Mittel zu einer maritimen Bedeutung
zu gewähren, indem man ihm die ganzen Nordseeküsten, einschließlich Hollands und,
unter gewissen Eventualitäten, den deutschen oder den ganzen festländischen Theil von
Dänemark, Hanover, die freien Städte und Sachsen zudachte, dessen König in Rhein-
preußen entschädigt werden sollte. Frankreich würde Belgien erhalten haben, England
die holländischen Colonien, der König der Niederlande mit der Residenz Constantinopel
denjenigen Theil der Türkei, welchen die Abfindungen Rußlands und Östreichs übrig
lassen würden. Die Erwerbung wirklich deutscher Provinzen, etwa mit der Rhein-
gränze, sei schon damals wie jetzt von Frankreich als unpractisch, und als ein auf die
Dauer nicht haltbarer Besitz angesehn worden (Elsaß? obenein protestantisch!)¹)
Ich kann nicht behaupten, daß der Herzog irgend eine Andeutung hätte fallen lassen,
daß man es jetzt ähnlich machen könne. In der ganzen Reihenfolge der Conversation
lag freilich etwas der Art, und wäre vielleicht klarer hervorgetreten, wenn ich mir
erlaubt hätte den agent provocateur zu machen. Ich antworte[te], daß die Voraussicht des
Zusammenbrechens der Türkey sich vielleicht jetzt ebenso unrichtig erweisen könne, wie vor
einigen 30 Jahren, und daß der Zeitpunkt für Besprechung irgendwelcher Abänderung
der Karte Europas ein sehr ungünstiger sei. „à qui le dites-Vous,“ war die Antwort,
„je ne parle que de souvenirs historiques, et nous aurions enfanté un commérage bien
dangereux, si Vous vouliez envisager cette conversation sous un autre point de vue.“
Thatsächlich kann ich also nur das berichten, daß der Herzog das osmanische Reich nicht
mehr als haltbar betrachtet, und deshalb eine trübe Zukunft vorhersieht.
99. Privatschreiben an Minister v. Schleinitz.
15. /3. September 1860.
Verehrter Herr und Freund, Ihre telegraphische Anfrage, ob ich die Depesche 229
erhalten hätte, öffnete mir die Augen darüber, daß aus meinen Immediatberichten vom
5. und 7.¹) das eigentliche Thema probandum nicht klar genug hervortritt, und nachdem
98. 1) Es handelt sich bei dem hier mitgeteilten Projekt um den sog. ,,großen Plan“ des Ministers Polignac.
Vgl. darüber u. a. Gervinus, Geschichte des 19. Jahrhunderts, VIII (1866), S. 324-327, und insbesondere
Alfred Stern in der Historischen Vierteljahrsschrift, 1900, S. 49-77.
99. 1) Nr. 91 u. 94.