Sendung Münsters. Die deutschen Kollegen. Beust. Sir A. Malet. Karolyi. 45
21. Mai. Gestern abend habe ich E. E. telegraphische Benachrichtigung, daß die Sendung
Münsters unterbleibt, mit g. Danke erhalten. Heut früh schreibt mir Fürst Gortschakow
dasselbe, nachdem er mir gestern spät noch hatte sagen lassen, daß Münster sich heut auf dem
Wladimir einschiffe. Unter meinen hiesigen deutschen Kollegen vertreten Gr. Montgelas
und Gr. Münster (Hannover) vollständig das Maß kriegerischen Eifers, welches ihren
Regierungen eigen ist, während Herr von Könneritz in seinen persönlichen Überzeugungen
unsrer Auffassung näher steht, der württembergische Lobstein aber mehr Russe als Deut-
scher ist. Nach den Fontonschen Berichten hat Bar. Beust übrigens in Frankfurt nicht
dieselbe Mäßigung an den Tag gelegt, wie sein hiesiger Vertreter, sondern den Kreuzzug
gegen Paris gepredigt und sich dabei mit solcher Sicherheit auf angebliche Äußerungen eng-
lischer Minister berufen, daß Sir A. Malet sich, wie es scheint, zu einer Sprache hat ver-
leiten lassen, welche keine Rechtfertigung in seinen Instruktionen findet. Gr. Karolyi emp-
fiehlt seinem Kabinette, nachdem er sich hier orientiert hat, die russischen Demonstrationen
an der Grenze keineswegs leicht zu nehmen; er glaubt, daß Deutschland zum Kriege gegen
Frankreich und Rußland gleichzeitig gelangen werde, sieht aber darin keine Gefahr für uns,
und meint, daß man, um uns ein lebhafteres Interesse zur Sache zu verleihen, und für den
Fall des Sieges über beide Gegner Deutschlands, das „Präsidium in der Militärkom-
mission“ zu Frankfurt von Wien aus versprochen habe, falls die übrigen Bundesgenossen
damit einverstanden sein würden. Für solchen Kampfpreis allerdings kann man Preußen
schon einsetzen! wenigstens als Österreicher.
Mit der g. Bitte, diesen Brief nicht als für die Akten bestimmt ansehen zu wollen,
verharre ich in der ausgezeichnetsten Hochachtung
34. Telegramm an Minister v. Schleinitz.
22. Mai 1859.
Baron Budberg hat gemeldet, que S. A. R. le Régent est péniblement ému de ce
que I’Empereur de Russie trouve la mission du comte Münster inopportune. Diesseitige
Antwort E. E. bekannt. Kaiser ungnädig, daß mir seine eigenhändige Anmerkung durch
Fürst Gortschakow gezeigt. Fürst Gortschakow, darüber verstimmt, wirft mir vor, daß ich
vertrauliche Mitteilungen berichte; was er an Baron Budberg mitteilen wolle, telegra-
phiere er ihm direkt. Meine Stellung schwierig, wenn durch Baron Budberg hierher be-
kannt wird, was ich berichte, und er, anstatt meiner, Organ unserer Eröffnungen ist. Seine
Meinung von uns ist kühl und ich als unser Dolmetscher sorgfältiger.
35. Privatschreiben an Minister v. Schleinitz.
22. Mai 1859.
E. E. habe ich mir erlaubt, in Ermanglung sicherer Gelegenheit für die nächsten Tage,
heute in betreff der Münsterschen Sendung zu telegraphieren. In dem Bestreben, 100
Worte nicht zu überschreiten, habe ich meine Gedanken mit der respektwidrigen Kürze aus-
gedrückt, welche dem telegraphischen Style anklebt¹), und beeile mich in diesen Zeilen, von
denen ich noch nicht voraussehe, wann ich sie werde abschicken können, schicklichere Expli-
kationen zu geben. Mein gestern durch den Adler abgegangener Brief enthält die Erläute-
1) Vgl. Nr. 34.