Volltext : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

Graf  Königsmarck  oder  Camphausen?  155

Den  schwankenden  Einflüssen  auf  die  parlamentarischen  Stimmungen,  durch  welche  sich  in

den  letzten  beiden  Jahren  der  Mangel  an  Disziplin  und  Consequenz  innerhalb  des  Finanzministeriums

  verrieth,  ist  Camphausen  mit  unwandelbarer  Stätigkeit  im  Sinne  gouvernementaler

  Autorität  entgegengetreten.  Seine  Integrität  ist  niemals  angezweifelt  worden,
seine  Sachkunde  giebt  jedem  von  ihm  unterzeichneten  Entwurfe  ein  Gewicht,  wie  es  weder
Heydt  noch  Bodelschwingh  und  auch  Patow  nicht  zur  Seite  stand.  Mag  nun  auch  Graf
Königsmarck,  was  bei  seiner  geringern  Erfahrung  in  großen  Geschäften  zu  bezweifeln
ist,  ebenso  befähigt  sein  wie  Camphausen,  so  wird  er  doch  einiger  Jahre  bedürfen,  bevor
die  Welt  es  ihm  glaubt.  Zunächst  würde  die  Regierung  immer  den  Vorwurf  hören  müssen,
daß  sie  einer  schwierigen  Krisis  eine  unerprobte  Kraft  gegenüberstellt,  und  die  Böswilligkeit
würde  diesen  Umstand  über  Gebühr,  aber  mit  Erfolg  ausbeuten.  Ich  halte  Graf  Königsmarck
  für  einen  Ministercandidaten,  besonders  nachdem  er,  heut  erst  seit  wenig  Monaten
im  Dienste,  die  Tüchtigkeit,  an  die  ich  jetzt  schon  glaube,  weil  ich  ihm  seit  30  Jahren
befreundet  bin,  öffentlich  bewiesen  haben  wird.  Sollte  Camphausen,  amtlich  befragt,  ablehnen,
  sollte  auch  Delbrück,  der  im  Bundeskanzleramte  fast  unersetzlich  ist,  nicht  annehmen,
dann  wäre  es  meines  ehrfurchtsvollen  Dafürhaltens  gerechtfertigt,  den  Versuch  mit  neuen
u[nd])  noch  ungekannten  Kräften  wie  Königsmarck  zu  machen,  und  ich  würde  ihn  mit  vollem
Vertrauen  als  Mitarbeiter  im  allerhöchsten  Dienste  begrüßen.  Zwei  andere,  an  sich  sachlich
vielleicht  wohlbefähigte  Candidaten,  die  Oberpräsidenten  von  Horn  und  von  Möller,  getraue
ich  mich,  so  lange  nicht  zwingende  Noth  vorliegt,  Eurer  Majestät  nicht  vorzuschlagen,  weil
beiden  das  wünschenswerthe  Element  tactvoller  Höflichkeit  in  dem  Grade  fehlt,  daß  Eure
Majestät  selbst  so  wie  die  Minister  und  Beamte  eine  erhebliche  Erschwerung  des  dienstlichen
Verkehrs  in  diesem  Mangel  finden  würden.  Sonst  hatte  mir  namentlich  Horn  bis  vor
Kurzem  als  eventueller  Candidat  vorgeschwebt.

Wenn  Eure  Majestät  mir  huldreichst  erlauben  wollen  auf  meine  persönlichen  Verhältnisse
  zu  kommen,  so  kann  ich  meine  Besserung  leider  nicht  als  eine  so  vorgeschrittene
bezeichnen,  daß  ich  unter  gewöhnlichen  Umständen  bitten  würde,  meinen  Dienst  wieder
antreten  zu  dürfen.  Auch  im  vorigen  Jahre  war  es  eigentlich  erst  der  November  mit  seiner
Kälte,  der  mir  zu  Kräften  half,  und  die  Aerzte  haben  mir  fast  mit  Gewalt  seit  10  Tagen
eine  Carlsbader  Kur  aufgenöthigt,  welche  sie  mir  früher  wegen  Nerven=Erregung  stets
widerriethen.  In  dieser  Personal=Crisis  ist  es  mir  aber  selbst  kaum  erträglich,  fern  von
Eurer  Majestät  zu  sein,  und  bitte  ich  allerunterthänigst  um  allerhöchstdero  Befehl,  ob  ich
bei  Eurer  Majestät  Rückkehr  nach  Berlin  mich  dort  einfinden  darf.  Sachlich  würde  es
mir  sehr  nützlich  scheinen,  wenn  Fr[ei]herr  von  der  Heydt  bewogen  werden  könnte,  die
Geschäfte  bis  zur  Ernennung  seines  Nachfolgers  fortzuführen,  und  wenn  sein  Austritt  so
lange  nicht  eingestanden  zu  werden  brauchte,  bis  wenigstens  die  allgemeine  Discussion  über
die  Finanzverhältnisse  begonnen  hat.  Es  würde  für  seinen  Nachfolger  sehr  erwünscht  sein,
wenn  die  verschiedenen  Fractionen  vorher  zur  Aussprache  veranlaßt  worden  wären,  um  eine
Orientierung  über  die  Stellung  und  die  Absichten  der  Gegner  zu  gewinnen.  Wenn  dieß
anginge,  so  würde  ich  gern  meine  Kur  bis  dahin  hier  fortsetzen,  geht  es  nicht,  so  stehe  ich
jeden  Tag  zu  Eurer  Majestät  Befehl.

Eine  wesentliche  Erleichterung  der  Geschäfte  würde  für  mich  darin  liegen,  wenn  Eure
Majestät  dem  Präsidenten  des  Bundes=Kanzleramtes  eine  in  der  äußern  Form  selbständigere
  Stellung  zu  verleihen  die  Gnade  haben  wollten.  Ich  rechne  dahin  die  Ermächtigung,
  allen  Staatsministerialsitzungen,  in  welchen  Gegenstände  behandelt  werden,