Full text: Briefe und Akten zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. Neunter Band. (9)

März 16. 
246 1611 104. 
104. Der Kurfürst von Sachsen an den von Mainz. 
E. L. erinnern sich noch der Beschwerde des Königs Matthias über 
den Einfall des passauer Kriegsvolkes und seines Ersuchens um 
Hilfe bei E. L., bei uns und unseren Mitkurfürsten und bei den Fürsten, 
die in Prag waren. Darüber haben wir E. L. schon am 10./20. Januar 
geschrieben ;! aus den Zeitungen werden E. L. den weiteren Verlauf 
vernommen haben. 
Nun ist zwar das pascauer Kiiegsvolk, als es mit seinen Befehls- 
habern merkte, dass es seine Absichten nicht ausführen könne, dass 
es auch gegen das Volk der böhmischen Stände und die von Matthias 
geschickte Hilfe zu schwach sei, am 12. [!] nachts von Prag wieder 
aufgebrochen, hat aber durch seinen Einfall, besonders aber durch die 
Aussagen Tengnagels über heimliche Praktiken, von denen ich E. L 
einige Nachrichten schicke,? Anlass gegeben, dass nunmehr zwischen 
dem Kaiser auf der einen und den böhmischen Ständen und König 
Matthias auf der anderen Seite ein schwer zu beseitigendes Mis- 
trauen bestaht. 
Da das Geschehene und die sonst geplanten Praktiken dem prager 
Vertrag zuwiderlaufen, der Ka’'ser wegen der böhmischen Krone ge- 
fährdet und das ganze Königreich Böhmen in solche Unruhe und 
Aufstand gesetzt ist, dass schwerlich Mittel der Abhilfe zu finden 
sein werden, so ersuchen wir E. L. um Dero Gutachten, was Sie von 
all dem halten und wie Sie dem abzrhelfen vermeinen. Wir sind sowol 
vom Kaiser als vom König durch besondere Gesandten um Hilfe 
ersucht worden, haben uns aber bisher keinem Teil beipflichtig machen 
wollen sondern uns durch Schreiben und Schickung dahin erklärt,’ 
1 Vgl. die oben in no. 9, S. 24, Anm. 1 angezogenen Schreiben. 
? Pfretzschner hatte Tengnagels Aussagen (wahrschein!'ch nur die erste 
und zweite) am 15. März an Kaspar von Schönberg geschickt (Dre., 1. 9166, 
I. Buch pessauer Kriegsvolk, f. 395; Or. eigh.). 
® Wegen der Schickung des Minckwitz vgl. oben no. 67,8. 154, Annı.'1, wegen 
der Schickung des Wild- und Rbeingrafen vgl.oben no.9, 8.24, Anm.1. Der Be 
scheid an Minckwitz erfolgte am 7. März; vgl. oben no. 80, 8.178, Anm.3. — 
Als Antwort auf die Werbung des Wild- und Rheingrafen schrieb der Kur- 
fürst von Sachsen am 5./15. März an den König: Matthias werde sich 
hoffentlich mit der Erklärung und dem Erbieten zufrieden geben, das Braun- 
schweig und Zollern überbrachten, und ihn, den Kurftirsten, nicht weiter 
zum Beistend auffordern; dass der König sich auf die kaiserliche Werbung 
noch nicht befriedigend erklärt habe, müsse den Kaiser allerlei Nachdenken 
verursachen; der Kurfürst werde an dem prager Vertrag festhalten und 
sich mit andern wider den finden lassen, der des andern Lande feindselig 
überzieht (Drs., a. a. O., f. 319; Kpt. von Schönberg). — In einem zweiten 
Schreiben an den König vom gleichen Tag verwahrt sich der Kurfürst gegen 
den vom königlichen (esandten ausgesprochenen Verdacht, dass er gegen 
Matthias keine besondere Affektion trüge (Dre., 1. 8549, Schreiben Budolfs IL au 
Christian II. ; Kpt.). — Wesentlich freundlicher lautete die Antwort des Kurfürsten 
vom 8./18. März auf das Anbringen, das die böhmischen Stände schriftlich (vgl. 
oben no. 81) und durch Schickung taten. Der Kurfürst versicherte, er werde