Full text: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6b. (6b)

Konflikt wwischen Bismarck und Militärs über Kapitulation von Paris und Waffenktillftand. 
Frankreich 1871 bis 1873, S. 3 f.) von vornberein das Drinsip eines baldigen Srledensschlusles 
aufstellte und auf die Wöglichkreit hinwies, bierzu mittels Verhandlungen mit den Bonapartes 
und der Einberufung des Corps législatif zu gelangen, brachte er Savre dam. wieder die Sragen 
der Berufung einer Konstituante auf Grund allgemeiner Wahlen und der Bewilligung eines 
Waffenstillstandes zu diesem Iweck aufmnehmen, die bereits im Mittelpunkt der Verhandlungen 
von Gerrières gestanden hatten. Damals waren die Verhandlungen gescheitert, weil die Fran- 
leien den Waffenstillstand nur unter der Voraussetzung der Verproviantierung von Paris, 
ismarck und Moltke ihn aber nur gegen Übergabe der Forts vor Paris batten bewilligen 
wollen. Jetzt bereiteten gerade diese beiden Dunkte kaum noch Schwierigkeiten; die Einräumung 
der Forts, darüber hinaus die Waffenstreckeung der Garnison von Paris, auf der anderen Seite 
die Berproviantierung der bungernden Stadt waren nunmehr die gegebene Grundlage von Ver- 
bandlungen. Im Laufe einer fast dreistündigen Besprechung kamen Bismarck, der auf die von 
den Militärs gewünschte Beseczung von Daris mit deutschen Cruppen von sich aus kein Gewicht 
legte (ogl. seine Tischäußerungen vom 17. Januar, M. Busch, Tagebuchblätter, II, 37), und Sa## 
rasch zu einem gegenseitigen Einoerständnis; nur wollte der Franjose nicht auf eine SEntwaffnung 
der Nationalgarde trotz Bismarcks Warnungen eingeben, die der Fätere Kommuneaufstand 
nur zu sehr rechtfertigen sollte. Als Bismarcke zum Schlusse Fadre bat, ihm eine schriftliche 
Skine der Verbandlungsbasis zu binterlassen, stutzte der Franzose erst; war es darauf abgesehen, 
ihn im voraus festzulegen! Auf Bismarcks beruhigendes Wort: „Ce sera Pour moi seul“ 
brachte Faore tatsächlich die gewünschte Skine mit Bleistift u Papier. Das Original hat 
Bismarck, seinem Worte getreu, nicht zu den Atten gegeben; wohl aber befindet sich in ihnen 
eine Viederschrift von der Hand des Kanzjlers, die offenbar eine getreue Kopie der Favreschen 
Skine ist. Sie lautet: 
„Paris cesse sa résistance et dépose ses armes. 
L'armée allemande occupera un ou plusieurs des forts qdul lui seront livrés par 
les chefs de corps français. 
Une contribution de guerre sera réglée entre les autorités allemandes et la 
municipalité de Paris. 
La garnison de Paris — armee de ligne et garde mobile — déposera les armes; 
elle restera prisonnière de guerre sur parole jusqu'fa la conclusion de la paix. 
a garde nationale conservera ses armes. 
L’'armée allemande restera dans les forts sans entrer dans la ville de Paris. 
Un armistice sera immédliatement conclu et Paris sera ravitalllé. 
Une assemblee sera nommée dans un deélai de quinze jours; elle se réunira 
à Bordeaux; elle decidera de la paix et de la guerre, ainsi due de la forme du gouverne- 
ment à donner à Ja France.“ 
Noch am späten Abend des 23. Januar hat Bismarck dem Kaiser mündlich Bericht über 
leine Unterredung mit Saore erstattet. Am Vormittage des 24. fand dann bei Wilhelm I. eine 
Beratung statt, an der außer Bismarck noch der Kronprinz, Moltke und Roon teilnahmen. Vach 
dem Tagebuch des Großbergogs von Baden (Oncken, a. a. O., II, 338) loll es Bismarck gelungen 
lein, gegenüber der militärischen Auffaossung, wonach mit Leuten wie Jules Sarre überhaupt nicht 
m verbandeln wäre. Paris sich vielmehr auf Gnade oder Ungnade ergeben mühte, mit seinen 9rr 
weiser êMähigung beruhenden Anträgen durchzudringen. Man darf ohne weiteres annehmen, da 
diese Anträge auf grundlätzliche Annahme der von Saore Jkinierten Verhandlungsbalis binaus- 
gegangen lind. Am TNachmittage des 24. hat Bismarck noch eine zweite Unterredung mit Saore 
gebabt, der darauf nach Daris mrückkebrte, aber am Abend des 25. wieder in Versailles u 
neuer Riicksprache mit dem Kanzler eintraf. Leider gibt Savre von den leit dem 24. Jannar 
mit Bismarck gelührten Gesprächen nicht mebr eine genaue Analpse wie von der ersten ein- 
leitenden Besprechung des 23. Die Auseinandersetzung scheint sich setzt vor allem um die Frage 
gedrebt zu baben, ob der Waffenstillstand auch auf die drei füdöstlichen Departements und die 
one der Belagerung von Belfort ausgedehnt werden sollte, wo der General v. Werder mit 
der Armee Bourbaki in schwersten Kämpfen stand. Hier konnte Bismarck um so weniger den 
Wünschen FSavres entgegenkommen, als er ohnehin die gröhten Schwierigkeiten batte, den Koiser 
und Moltke bei der am 24. durchgesetzten Linie „weiser Mähigung“ festzuhalten. In der ent- 
scheidenden Beratung vom 26., die wieder unter Teilnahme derselden Perfönlichkeiten wie am 
24. stattfand. ist es nochmals (ogl. Dos Kriegstagebuch des Kronprinzen. S. 354 und Das Cage- 
buch Grohber#log Friedrichs I., H. Oncken, II, 341) m einer langen und peinlichen Diskussion 
gekommen, wobei Wilhelm I., der am 25. in dem Konflikt wwischen Bismarck und Moltke im 
wesentlichen zugunsten des ersteren entschieden batte (ogl. dazu Nr. 1990, Anm. 7, 1999, 
Anm.), vielleicht gerade deshalb mehr für Moltkes rigorosere Auffaslung eintrat. Schliehlich 
siegte in der Hauptsache doch Bismarcks Meinung. Die Energie und Rücksichtslosigkeit 
seines Auftretens, mit der er gerade damals alles auf die Spitze trieb. um leinen Willen durch- 
mletzen, bat in jenen Cagen auch einen Stosch wiederbolt m Ausdrücken der Hewunderung bin- 
gerissen; freilich verzeichnet er in seinen Briefen auch und just zum 26. (Denkwürdigkelken, 
S. 227), daß er noch nie eine solche Erditterung gegen einen Menschen erlebt habe, wie sie 
augenblicklich gegen Bismarck berrsche. Nach einmal erlangter Entscheidung des Könlos im 
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