Full text: Die Lügen unserer Sozialdemokratie.

— 229 — 
2. Im Sommer 1870. 
Am 17. Juli 1870 erhielten wir Abgeordneten zum nord- 
deutschen Reichstage") das als „wichtige Staatsdepesche“ mit größter 
Beschleunigung an uns bestellte Telegramm: „Der Reichstag des 
Norddeutschen Bundes tritt den 19. Juli, Mittags 1 Uhr, in Berlin 
zusammen. Der Bundeskanzler v. Bismarck.“ Bis dahin hatten wir 
noch immer gehofft, der Krieg werde vermieden werden. König Wil- 
helm war freilich bereits von Ems nach Berlin zurückgekehrt. Die 
Scenen in den französischen Kammern vom 15. Juli, bei welchem 
sich der verblendete Kriegsrausch und die meineidige Lüge ein wüstes 
Stelldichein gaben, waren vorüber. Die deutsche Mobilmachungs- 
ordre war erlassen — aber dennoch glimmte noch eine letzte Friedens- 
hoffnung. Mußten doch Alle die schwersten Opfer bringen. Mußte 
doch meine gute greise Mutter ihren Jüngsten, mußten doch wir 
Geschwister den Bruder zur Fahne stellen. Nach Empfang der De- 
pesche Bismarcks war kein Zweifel mehr an dem änußersten Ernste. 
Die ehernen Würfel, welche vielleicht Hunderttausenden das Todes- 
loos bedeuteten, waren gefallen. „Sind Sie einberufen?“ hatten 
mich zahlreiche Freunde bis zu dieser Stunde gefragt. Als ich 
ihnen jetzt schweigend Bismarcks „Ordre“ vorwies, war ich allein. 
Sie eilten ihr Haus zu bestellen. Ich that dasselbe und folgte dann 
meiner „Ordre“. Den Bruder konnte ich nicht mehr sehen. 
Auf dem Wege nach Berlin starrten alle Eisenbahnen und 
Chausseen, alle Straßen und Plätze von jungen Männern, welche 
gehobenen Herzens zur Fahne eilten. Gewaltige Zügc, mit Geschüt 
und Munition beladen, bransten an uns vorüber nach Westen. Fast 
sämmtliche Abgeordnete waren schon am 18. Juli in Berlin einge- 
troffen. Das Wiedersehen der Männer, mit welchen man als Freund 
oder Gegner jahrelang im parlamentarischen Kampf gestanden hatte, 
war herzbewegend. Es gab keine Parteien mehr — nur Deutsche! 
Und uns hatte die Nation auf den höchsten Ehrenposten gestellt und 
durfte von uns erwarten, daß wir unsere verdammte Schuldigkeit 
voll und ganz thun würden. Ich glaube, wir thaten sie. Jeder 
von uns versäumte am häuslichen Herd jetzt Stunden, welche viel- 
leicht keine Ewigkeit zurückbrachte. Aber das Opfer wurde gern 
geboten. 
Noch am Abend des 18. Juli traten sämmtliche Fraktionen fast 
zu gleicher Stunde zu ihren Berathungen zusammen. Unser Frak- 
*) Ich folge bei Darstellung dieser Ereignisse meinen Tagesaufzeichnungen 
aus dem großen Jahr und den stenographischen Berichten und Drucksachen 
des Reichstags.