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2. Im Sommer 1870.
Am 17. Juli 1870 erhielten wir Abgeordneten zum nord-
deutschen Reichstage") das als „wichtige Staatsdepesche“ mit größter
Beschleunigung an uns bestellte Telegramm: „Der Reichstag des
Norddeutschen Bundes tritt den 19. Juli, Mittags 1 Uhr, in Berlin
zusammen. Der Bundeskanzler v. Bismarck.“ Bis dahin hatten wir
noch immer gehofft, der Krieg werde vermieden werden. König Wil-
helm war freilich bereits von Ems nach Berlin zurückgekehrt. Die
Scenen in den französischen Kammern vom 15. Juli, bei welchem
sich der verblendete Kriegsrausch und die meineidige Lüge ein wüstes
Stelldichein gaben, waren vorüber. Die deutsche Mobilmachungs-
ordre war erlassen — aber dennoch glimmte noch eine letzte Friedens-
hoffnung. Mußten doch Alle die schwersten Opfer bringen. Mußte
doch meine gute greise Mutter ihren Jüngsten, mußten doch wir
Geschwister den Bruder zur Fahne stellen. Nach Empfang der De-
pesche Bismarcks war kein Zweifel mehr an dem änußersten Ernste.
Die ehernen Würfel, welche vielleicht Hunderttausenden das Todes-
loos bedeuteten, waren gefallen. „Sind Sie einberufen?“ hatten
mich zahlreiche Freunde bis zu dieser Stunde gefragt. Als ich
ihnen jetzt schweigend Bismarcks „Ordre“ vorwies, war ich allein.
Sie eilten ihr Haus zu bestellen. Ich that dasselbe und folgte dann
meiner „Ordre“. Den Bruder konnte ich nicht mehr sehen.
Auf dem Wege nach Berlin starrten alle Eisenbahnen und
Chausseen, alle Straßen und Plätze von jungen Männern, welche
gehobenen Herzens zur Fahne eilten. Gewaltige Zügc, mit Geschüt
und Munition beladen, bransten an uns vorüber nach Westen. Fast
sämmtliche Abgeordnete waren schon am 18. Juli in Berlin einge-
troffen. Das Wiedersehen der Männer, mit welchen man als Freund
oder Gegner jahrelang im parlamentarischen Kampf gestanden hatte,
war herzbewegend. Es gab keine Parteien mehr — nur Deutsche!
Und uns hatte die Nation auf den höchsten Ehrenposten gestellt und
durfte von uns erwarten, daß wir unsere verdammte Schuldigkeit
voll und ganz thun würden. Ich glaube, wir thaten sie. Jeder
von uns versäumte am häuslichen Herd jetzt Stunden, welche viel-
leicht keine Ewigkeit zurückbrachte. Aber das Opfer wurde gern
geboten.
Noch am Abend des 18. Juli traten sämmtliche Fraktionen fast
zu gleicher Stunde zu ihren Berathungen zusammen. Unser Frak-
*) Ich folge bei Darstellung dieser Ereignisse meinen Tagesaufzeichnungen
aus dem großen Jahr und den stenographischen Berichten und Drucksachen
des Reichstags.