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Am 11. Mai 1878 schoß dieser Bube Unter den Linden in
Berlin auf das ehrwürdige Haupt des Kaisers Wilhelm. Am 2. Juni
werbberlottert Sozialistenfreund Nobiling dasselbe erlauchte Ziel
ast tödtlich.
Die Drachensaat der Vaterlandslosigkeit unserer
Sozialdemokratie war zum Kaisermorde gereift!
6. Die Zeit der Attentate und des
Sozialistengesetzes.
Viierundzwanzig Stunden, ehe Hödel's Schuß Unter den Linden
in Berlin nach dem geweihten Haupte unseres Kaisers abgefeuert
wurde, hatte das amtliche Parteiblatt der deutschen Sozialdemokratie,
der von Herrn Liebknecht redigirte „Vorwärts“, die von russischen
Horlchworenen freigesprochene Mörderin Wjera Sassulitsch also
gefeiert:
Wo man ein Bollwerk hergestellt
Für gierige Despotenmacht,
Wo um den Herrscherthron gesellt
Sich Habsucht, Bosheit, Niedertracht,
Dort ist der Vorkampf nun entbrannt
Und fordert unsern Beifallsgruß,
Dort an der Newa eis'sgem?") Strand,
Da fiel bereits der erste Schuß.)
In Petersburg, da (1) eilt herbei
Die Rächerin mit sestem Muth,
Und badete das harte Blei
In fließendem Tyrannenblut.
Ob Hödel vor seiner vatermörderischen That die von Herrn
Liebknecht verantworteten Mordstrophen noch gelesen und daraus
vielleicht die letzte Kraft zu seinem Mordschusse geschöpst hat, zu-
*) NB. Im Mail Es scheint, daß dieser Dichter seine Kenntnisse
betreffs der Temperaturen fremder Länder aus der sehr zuverlässigen
„Wanderlust“ des Bruder Straubinger bezogen habe, wo es bekanntlich heißt:
Wo die Wolga und der Obi
Von Michaeli bis Jacobie
Stolz zu Stein und Bein gefriert.
»*) Für künftige Reimfälle auf die lange Silbe „Gruß“ möchten wir
den rothen Dichtern doch lieber die Worte „Buß', Fuß, Mus, Nuß“ em-
pfehlen. Auch wie „das harte Blei“ in „fließendem Tyrannenblut“ badet,
ist ein großartiges Bild.