Full text : Das Goldene Buch des Deutschen Volkes an der Jahrhundertwende.

Staalsweesen

hergestellt  ist  und  ausreichen  würde,  die  Erde  am  Aequalor  ungelähr  zwanzigmal  zu  umspannen.  —  Die  erste  deutsche
Eisenbahn  ist  die  am  7.  Dezember  1835  eröffnete  von  Nürnberg  nach  Fürth  (7  Kilemeter).  In  Oesterreich  wurde  zuerst
eine  Bahn  von  Budweis  nach  Linz  gebaut,  deren  erste  Sirecke,  schon  am  7.  September  1829  fertiggestellt  war,  die  aber
zunächst  mil  Pferden,  erst  später  mit  Dampf  betrieben  wurde.  Beide  Strecken  waren  Versudhye.  Das  Eisenbahnzeitaller  beginnt
im  Deutschland  und  Oesterreich  erst  aegen  Ende  der  dreissiger  Jahre.  Mätner,  wie  Friedrich  List,  Friedrich  Barkort,  August
Srancke,  Hugust  von  Aınsberg  in  Deutschland,  Anton  Ritter  von  Gerstner,  Matthias  Schönerer,  Franz  Riepl  in  Oesterreich
haben  die  ersten  für  den  grossen  Verkehr  bedeutsamen  Eisenbahnen  ins  Leben  aeruien.  Die  Leipzig-Dresdener  Eisenbahn,  das
grosse  Werk  Sriedrich  Lists,  wurde  vorbildlich  für  die  meisten  deutschen  Eisenbahnen,  die  alsbald  einen  gewaltigen  Einiluss  auf
die  Belebung  des  Verkehrs  ausübten  und  ihren  Eigentümern  befriedigende  Erträge  brachten.  Schon  1846  waren  die  grösseren
\lerkehrsplätze  Deutschlands  durch  ein  zusammenbängendes  Schienennetz  verbunden,  das  zu  Ende  des  Jahrhunderts  einen  Umiang
von  nahezu  0000  Kilomeler  aufweisen  dürfte,  während  das  österreichische  Netz  etwa  18000  Kilomeler  umfassen  wird.
Die  ungehbeuren  Umwälzungen,  die  die  Eisenbahnen  auf  allen  Gebieten  der  Volkswirtschaft  —  in  Bandel,  Gewerbe,  Tandwirtschaft
  —,  im  slaatlichen  und  sozialen  Leben,  in  Wissenschalt  und  Kunst,  in  Politik  und  Kriegfübrung  hervorgebracht
haben,  stehen  täglich  vor  unsern  Augen.  Durch  die  Billigkeit  und  Schnelligkeit  der  Beförderung  ist  die  Menschheit  einander
unendlich  nahe  gerückt,  die  Unterschiede  der  Stände  und  Beruisklassen  gleichen  sich  ats,  die  Bildung  durchdringt  alle  Kreise
der  Bevölkerung  bis  in  die  untersten  Schichten.  Reisen,  die  zu  Anfang  des  Jahrhunderts  Cage  und  Wochen  erforderten,
bedeutende  Mittel  in  Anspruch  nahmen  und  mit  grossen  Mühseligkeiten  verbunden  waren,  werden  beut  in  ebensoviel
Stunden  zu  mässigen  Preisen  und  mit  allen  denkbaren  Bequemlichkeiten  zurückgelegt.  Eine  Fahrt  um  die  Welt,  die  in
früheren  Jahrhunderten  nur  kühne  Reisende  mit  Gefahren  für  Leib  und  Leben  wagen  konnten  und  die  ein  bis  zwei  Jahre
dauerte,  kann  am  Ende  des  neunzehnien  Jahrhunderts  von  jedermann  unternommen  und  in  50  bis  60  Cagen  zurückgeleat
werden.  Die  Möglichkeit,  alle  für  den  menschlichen  Bedarf  erforderlichen  Massengüter,  Lebensmittel,  Rohstoffe  zu  den
billigsten  Preisen  von  Orl  zu  Ort,  von  Weltteil  zu  Weltteil  zu  fahren,  hat  die  Staatswirlschaft  zur  Weltwirtschaft  umgebilde,
die  Preise  ausgeglichen,  die  Weltmarktplätze  geschaffen.  Alle  diese  Wirkungen  der  Eisenbahnen  zeigen  sich  gleichmässig
auf  der  ganzen  Erde.  Die  Eisenbahnen  sind  von  Anfang  an  international,  sie  kennen  keine  politischen  Grenzen,  ihre  Errungenschaften,
  ihre  Sortschriite  kommen  allen  Ländern,  allen  Plätzen,  allen  Bewohnern  zu  guie,  die  an  ihr  Netz  angeschlossen  sind.  —
Zwei  Erscheinungen  sind  den  deuischen  und  österreichischen  Bahnen  eigenlümlich:  das  Bestreben,  durch  gemeinsame  Arbeit
in  Vereinen  einheilliche  Einrichtungen  für  Bau,  Betrieb  und  Verwaltung  zu  schaffen,  und  ferner  die  Ueberführung  des  neuen
Verkehrsmittels  aus  dem  Privaleigentum  in  das  Eigentum  des  Staates,  die  Durchführung  des  Staaisbahngedankens.  Schon
im  Jahre  1846  entstand  in  Berlin  der  Verein  deuischer  Eisenbahnverwaltungen,  der  alle  Eisenbahnen  des  damaligen
Deutschen  Bundes  umfasste  und  bald  einzelne  Siaaten  aus  den  benachbarten  Gebieten  (Belgiens,  der  Niederlande,  Luxemburgs,
  Russlands,  Rumäniens)  sich  angliederle.  Gross  sind  seine  Werdienste  um  Berbeiführung  der  Einheit  im  Bau  des
Bahnkörpers  und  der  Beiriebsmittel,  Herstellung  eines  einheitlichen  Frachirechis,  eines  durchgehenden  Büterverkehrs  mil  einem
einheillihen  Wagenpark  und  Förderung  des  Personenverkebrs.  Das  grosse  Werk  des  internationalen  Gesetzbuchs  über  den
Eisenbahnfrachiverkehr,  das  Berner  Uebereinkommen  vom  14.  Oktober  1800  ist  durch  sein  Wirken  vorbereitet  und  ermöglicht.
Staatsbahnen  waren  zwar  in  den  deutschen  Mittelsiaaten  —  Braunschweig,  Baden,  Württemberg,  Nassau,  Bannover,  Oldennur

  Privatbahnen  gebaut,  neben  die  ersi  später  Staafsbahnen  traten.  Dieses  gemischte  System  war  auf  die  Dauer  nicht
halibar.  Der  grosse  Gedanke  des  Fürsten  Bismarck,  alle  deutschen  Bahnen  zu  Reichsbahnen  zu  machen,  scheiterte  vor
23  Jahren  an  dem  Widerstand  der  Mittelsiaaten.  Er  bewirkte  aber,  dass  Preussen,  Bayern  und  Sachsen,  später  auch
Mecklenburg  zum  Staatsbahnsystem  übergingen.  Heute  ist  dieses  in  ganz  Deutschland  durchgeführt,  mehr  als  9%  aller
deutschen  Bahnen  sind  Staatsbahnen.  Allein  das  preussische,  im  Jahre  1896  mit  dem  grossberzoglich  hessischen  verschniolzene
Eisenbahnnetz  bat  einen  Umfang  von  über  30000  Kilometern  und  isi  damit  das  grösste,  einheillich  bewirtschaftete  Eisenbahnnetz
  der  Welt.  Oesterreich  ist  nach  mannigfachen  Schwankungen  in  der  Eisenbahnpolitik  zu  Ende  der  siebziger  Jahre
zum  Siaatsbahnsystem  zurückgekehrt  und  hat  ein  geschlossenes  Staalsbahnneiz  von  10000  Kilometer,  die  Anlage,  die  Verwaltung
  und  der  Betrieb  der  deutschen  und  österreichischen  Staatsbahnen  sind  als  mustergültig  überall  anerkannt.

Werlen  wir  num  noch  einen  Blick  auf  die  technischen  Einrichtungen  der  Eisenbahnen,  so  zeigt  sich  überall  ein  ununterbrochener
tasiloser  Sorischritt.  $o  bescheiden,  wie  die  Ansprüche  des  Verkehrs  selbst,  waren  im  Anfang  auch  die  Mittel  zu  seiner
Bewältigung.  Das  geringe  Gewicht  und  die  langsame  Fahrt  der  ersten  Lokomotiven  und  Wagen  tritt  besonders  deutlich  in
den  Bedingungen  hervor,  die  der  Weiliahrt  bei  Rainhill  zu  Grunde  lagen.  Den  ausgeschriebenen  Preis  sollte  die  beste
Lokomotive  erhalten,  die  bei  einem  Gewicht  von  6  Connen  und  3,5  Kilogramm  Dampfdruck  im  stande  sein  würde,  täglich
20  Connen  Last  mit  16  Kilometern  Geschwindigkeit  zu  befördern.  Und  welche  Zahlen  gelten  heute  für  diese  Grössen?  Der
Druck  eines  Rades  übertrifft  jetzt  das  Gewicht  der  ganzen  ehemaligen  Lokomolive,  und  statt  der  vier  Räder,  die_diese  besass,
sehen  wir  deren  sechs  bis  zehn.  Der  Dampfdruck  ist  auf  den  vierlachen  Wert  gestiegen,  die  Fahrgeschwindigkeit  für  Lastzüge
  verdoppelt,  Tür  Schnellzüge  nahezu  versechsfacht.  In  welchem  Masse  die  beförderten  Lasten  gewachsen  sind,  das
ersieht  man  am  besten  aus  der  Chatsache,  dass  die  Ladung  eines  einzigen  der  jeizi  gebräuchlichen  Güterwagen  fast
ebensoviel  wiegt  wie  zu  den  Zeilen  der  ersten  Lokomotiven  der  ganze  Wagenzug.

Diese  Zahlen,  so  wichtig  und  lehrreich  sie  auch  sind,  treffen  aber  doch  erst  eine  Seite:  die  Massenhafligkeit  und  Schnelligkeit
des  Verkehrs.  Daneben  spielt  die  Sicherheit  und  Annehmlichkeit  der  Fahrt  eine  keineswegs  untergeordnete  Rolle.  Die

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