258 UNVERANTWORTLICHE SCHWÄTZER
Majestät zu sein, das Nachstehende geschrieben: „Sehr dankbar wäre ich
Ihnen und meine, Sie würden sich ein Verdienst um das Vaterland erwer-
ben, wenn Sie S.M. von sich aus, ohne Bezugnahme auf mich, darauf
aufmerksam machen wollten, daß das ewige Schimpfen und Aufreizen gegen
das Zentrum zu nichts führt. Ich bin gewiß ein guter Protestant, aber poli-
tisch kann mit Erregung, Erbitterung und derartigen Gefühlen nichts
gemacht werden. Sie könnten $.M. darauf hinweisen, daß jede Partei,
welche die Mehrheit habe und daher ausschlaggebend sei, das Bestreben
hätte, sich der Regierung unangenehm zu machen, schon um den Wählern
ihre Unabhängigkeit zu zeigen, da sie sonst bei ihnen an Boden zu verlieren
fürchte. Das ist ja eine der Grundregeln der deutschen Fraktionspolitik und
parteipolitischen Kunst. Die Konservativen des Abgeordnetenhauses haben
sich in der Kanallrage störrischer gezeigt und größere Krisen herbeigeführt
als das Zentrum in der nicht so wichtigen Kolonialfrage. Die National-
liberalen haben, als sie in den siebziger Jahren die Mehrheit hatten, dem
Fürsten Bismarck fortwährend Steine in den Weg gerollt. Welche Partei
auch immer die Mehrheit hat — und ob nun das Parlament aus dem allge-
meinen Stimmrecht, aus indirekten Wahlen oder aus ständischer Ver-
tretung hervorgegangen ist —, wird die Tendenz haben, der Regierung
ihren Willen zu zeigen. Wenn daher unverantwortliche Ratgeber S.M.
gegen das Zentrum hetzen, so machen sie sich die Folge einer solchen
Handlungsweise nicht klar. Gewiß, wenn es sich um die Einheit Deutsch-
lands, um die Wehrhaftigkeit und Sicherheit des Reichs handelt, muß
jeder Konflikt durchgekämpft werden, es koste, was es wolle. Aber ein
solcher Konflikt darf nicht leichtsinnig heraufbeschworen werden. In der
Politik kommt es darauf an, de donner aux choses leur juste valeur. Es
kommt vor allem darauf an, den richtigen Augenblick beim Schopf zu
nehmen. Es kommt auch darauf an, sich nicht von unverantwortlichen
und unwissenden Schwätzern impressionieren zu lassen.‘
Mehr Eindruck als die wechselnden Stimmungen Seiner Majestät hatte
mir das gemacht, was mir mein alter Freund, der Zentrumsabgeordnete
Prinz Arenberg, sagte, als er mich im Hochsommer 1906 in Norderney
besuchte. Auf einem Spaziergang nach dem Leuchtturm eröffnete er mir,
daß er sich entschlossen habe, sich bei den nächsten Wahlen, also 1908,
nicht wieder aufstellen zu lassen. Ich erwiderte, daß ich das tief bedauern
würde. Er habe sich als ständiger Referent für den Etat des Auswärtigen
Amts hochverdient gemacht. Er sei das Bindeglied zwischen mir und dem
Zentrum und habe stets ausgleichend gewirkt. Davon abgesehen, würde es
mir sehr schmerzlich sein, ihn nicht mehr mir gegenüber auf seinem gewohn-
ten Platze zu sehen. „Max, bleibe bei mir, geh nicht von mir, Max!“ rief
ich ihm zu. Er erwiderte, daß gerade seine Freundschaft und Liebe für