Full text : Deutsche Geschichte. Zweiter Band. (2)

Schlacht  bei  Friedland.  Napoleon  und  Alerander.  Friede  zu  Tilfit.  355

man,  am  Ende  aller  Hilfsmittel  und  Hoffnungen  angelangt,  auf
den  legten  Winfel  preußiichen  Bodens  beichränft  fe.  Dabei  erwies
  fich  das  ruffiiche  Heer  für  die  offupierte  Provinz  als  eine
faft  noch  fchlimmere  Geißel  al3  das  frangöfifche,  bei  dem  menigjtens
Mannszucht  herrichte.  Schon  unterm  10.  März  hatte  der  Generaladjutant
  Knefebed  gejchrieben:  „Das  Elend  ift  jet  auf  einen  Grad
geftiegen,  daß  e3  nicht  weiter  fteigen  fan,  und  nicht?  al3  Die
mosfowitiiche  Graufamfeit  geht  noch  darüber."  Napoleon  jah,  daß
Nuplands  und  Preußens  Interefje  nicht  mehr  zufammenging,  und
da  er  alles  hatte,  wa8  er  wollte,  war  auch  ihm  und  jeinem  Heer
der  TSriede  erwünscht.

Eine  Waffenruhe  mit  vierwöchentlicher  Kündigung  ward  vereinbart
  und  am  25.  Juni  trafen  fich  die  beiden  Kaijer  in  einem
Pavillon,  den  man  bei  Tiljit  auf  einem  Floß  ım  Memelfluffe  aufgeichlagen
  hatte.  E&3  konnte  Napoleon  nicht  [chwer  werden,  Werander
für  ein  neues  Syfjtem  in  Europa  zu  gewinnen,  Den  gemeinjamen
Haß  gegen  England,  die  Ausficht,  daß  fie  beide  die  Herrfcherrolle  in
Europa  teilen  würden,  den  Befit  von  Finnland,  von  Polen,  der
Donaufürftentümer:  gemeinfam  würden  fie  beide  über  dem  Frieden
der  Welt  walten.  Kein  Minifter  und  fein  fonjtiger  Zeuge  war  bei
der  Beiprehung  zugegen  und  fein  Protokoll  wurde  aufgenommen:
iwie  weit  Alexander  innerlich  gewonnen  war,  weiß  man  nicht  und  er
war  fich  vielleicht  damal3  felbft  nicht  Har  darüber.  Am  folgenden
Tag  fand  die  Zujammenkunft  der  drei  Monarchen  jtatt,  bei  Der
Sriedrih  Wilhelm  eine  Rolle  zu  fpielen  Hatte,  der  der  ehrliche,  gedrücte,
  befiegte  Mann  nicht  gewachlen  war.  Die  unglüdliche  Spdee,
die  Königin  Zuife  von  Memel  nah  Tilfit  fommen  zu  laffen,  führte
nur  zu  neuer  Demütigung.  Die  edle,  patriotiiche  rau  brachte  das
Opfer  und  verfuchte  bei  der  Bulammenfunft  mit  Napoleon  —
fie  fand  am  6.  Juli  ftatt  —  ihr  Heil  mit  jchüchternen  Bitten.
Kapoleon  wahrte  diesmal  den  Anjtand  befjer  al3  in  feinen  Bulletins:
  fogar  eine  Rofe,  wird  erzählt,  mußte  die  Königin  aus  feiner
unreinen  Hand  entgegennehmen;  aber  er  felbjt  hatte  niemals  den
Einfluß  einer  edlen  Frauenjeele  empfinden  dürfen  und  er  war