Full text : Ein Volk in Waffen.

verständigen,  erbot  ich  mich  zum  Dolmetsch.  Es  war  ein  Geschäft
für  Damenartikel,  Weißwaren,  Schnürleiber,  Spitzen,  Taschentücher,
  Strümpfe,  Parfüms,  Seife  und  andere  nützliche  Toilettengegenstände.
  Die  Inhaberin,  Frau  Desserrey,  war  seit  drei  Jahren
Witwe  und  lebte  mit  ihren  drei  Kindern  und  einer  Schwester  von
diesem  kleinen  Geschäft.  Die  Soldaten  im  Laden  wollten  Hemden
kanfen,  und  Madame  Desserrey  wollte  ihnen  begreiflich  machen,
daß  sie  ihnen  alles,  was  fie  verlangten,  nähen  wolle,  wenn  fie  ihr
den  Stoff  dazu  schafften.  Mit  diesem  Bescheid  waren  die  Soldaten
zufrieden,  kauften  ein  paar  Schachteln  Seife  und  zogen  ihrer  Wege.
Ich  fragte  Madame  Desserrey,  ob  der  Krieg  sie  nicht  ruiniert  habe,
boch  hatte  sie  bisher  noch  keinen  Verlust  gehabt;  sie  hoffte,  über
den  Herbst  und  Winter  hinwegzukommen  und  bald  den  Krieg
beendet  zu  sehen.

„Und  wie  finden  Sie  die  deutschen  Soldaten?“  fragte  ich.

„Sie  haben  mir  und  den  Meinen  nicht  das  geringste  getan,
find  immer  höflich  und  nehmen  sich  nichts  heraus.  Was  sie  von
meinem  Lager  brauchen  konnten,  haben  sie  gekauft  und  ehrlich
bezahlt;  ich  könnte  ein  großes  Geschäft  machen,  wenn  ich  nur
neue  Waren  aus  Luxemburg  erhielte.  Ich  und  noch  drei  andere
find  die  einzigen,  die  hier  ihre  Läden  offenhalten;  alle  übrigen
haben  geschlossen  und  find  beim  Herannahen  der  Deutschen  geflohen.“


Im  Laden  standen  zwei  Strickmaschinen,  daran  saßen  die  achtzehnjährige
  Blanche  Desserrey  und  ihre  vierzehnjährige  Schwester
und  strickten  Strümpfe  für  die  deutschen  Soldaten,  während  ihr
elftähriger  Bruder  draußen  auf  der  Treppe  saß  und  dem  Soldatenleben
  zusah.  Fräulein  Blanche  war  bezanbernd,  sah  aber  leidend
aus  und  hatte  einen  wehmütigen  Zug  in  ihren  schwarzen  Augen
und  einen  Hoffnungsanker  an  ihrer  Brosche.  Ich  fragte  sie,  ob
sie  viele  Freunde  draußen  im  Krieg  habe.  Ja,  antwortete  sie  und
sie  sehne  sich  nach  ihren  Freunden,  die  aus  der  Stadt  geflüchtet
seien.  „Wie  entsethlich  ist  nicht  dieser  Krieg!“  rief  sie,  „welches
Unglück  für  alle!“  Dann  fragte  sie,  ob  man  auch  heute  an  der

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