Ole personelle Mobllmachung. 169
Chaos nötigte den nichts weniger als „militärisch“ gesinnten Beobachtern
den Wunsch ab, künftig die wirtschaftliche Mobilmachung nicht nur auf
materiellem, sondern auch auf personellem Gebiet bis zu dem Grade
geregelt zu sehen, daß jeder nicht zu den Fahnen gehörende Gebildete
seine versiegelte Order bei sich zu tragen habe, die ihm im Augenblick
der Mobilmachung einen Posten für vaterländisch nützliche Betätigung
auf wirtschaftlichem Gebiet, im nationalen und internationalen Aufklärungedienst,
in der Bolköwohlfahrtepflege oder dergleichen anweise.
Als mit Berkündigung der Mobilmachungeorder die militärische
Intelligenz Gelegenheit erhielt, sich im hellsten Lichte zu entfalten, sah
die Zivilintelligenz sich in eine Nolle versetzt, in der sie zeitweise von
einem gewissen Gefühl der Uberflüssigkeit befallen werden mußte. Wohl
appellierte die Mobilmachung an alle Kräfte des Volkes; aber den Kreisen
der höheren Bildung in bürgerlichen Berufen schien mit einem Schlage
die Gelegenheit zu einer ihren besonderen Fähigkeiten entsprechenden
Betätigung genommen. Nur der Arzt wußte, wohin er gehörte, und
daß er in der Kriegszeit mit verdoppelter Kraft zu arbeiten haben werde.
Neben ihm waren es die Seelenärzte, die in beschränkter Zahl mit hinausziehen
konnten ine Feld, in der größeren Zahl der Daheimgebliebenen
aber plötzlich ihren Wirkungekreis erweitert, den Besuch ihrer Kirchen
so zahlreich sahen wie nie zuvor. Der Hochschullehrer aber fand seine Hörsäle
verwaist. Auch der gewöhnliche Schulbetrieb mußte, teils infolge
der Einziehung von Lehrern zur Fahne, teils infolge von Verwendung
der Schulräume zu Lazarettzwecken, eine einschränkende Umgestaltung
erfahren. Die große Mehrzahl von Angehörigen der freien Berufe sah ihren
Wirkungekreis teils ganz verschwinden, teils merklich zusammenschrumpfen.
Gern hätte, wenigstene in der ersten Zeit der allgemeinen Kriegebegeisterung,
wohl ein jeder sich nach Maßgabe seiner besonderen Befähigung
dem Baterlande nützlich gemacht; aber schließlich gab es für
die große Mehrzahl doch kein anderee Mittel, sich in den Dienst des Vaterlandes
zu stellen, als den Bersuch, als Kriegefreiwilliger sich ausbilden
zu lassen, um demnächst mit binausziehen zu können ins Feld
der Ehre. Angesichts des Millionenangebotes von Freiwilligen und der
nicht immer ausgezeichneten körperlichen Tauglichkeit unserer Zinilintelligenz
schlug aber auch dieser Bersuch in sehr vielen Fällen fehl. Es kam
eine Zeit allgemeinen Kopfzerbrechens in den gebildeten Kreisen.
Hunderte, ja wohl Tausende von Sprachkundigen stellten sich für Kriegszwecke
als Dolmetscher zur Verfügung; das Angebot aber war unendlich
viel größer als die Nachfrage. Der Techniker, der Volkswirt, der Geograph
— kurz, jeder wollte auf seine Weise helfen, suchte aber zumeist vergeblich
eine passende Gelegenheit.