Die deutsche Webwarenindustrie. 57
schaftlichen Nachkrieges gegen Deutschland, müßte zum Weiterfortschreiten
auf diesem Gebiet anreizen. Dadurch aber sähe sich die nordamerikanische
Volkewirtschaft vor der drohenden Auesicht, eines ihrer wichtigsten Kunden
weiter entraten zu müssen, nachdem der Riesenbedarf in den Ententeländern
in Fortfall gekommen. Um diesen Gesichtspunkt näher zu würdigen,
dürfen wir unsere Beobachtung nicht auf den Baumwollmarkt beschränken,
sondern müssen unsere Aufmerksamkeit auf das gesamte Gebiet
der Faserstoffe richten.
Die deutsche Einfuhr an Baumwolle machte mit reichlich 500000 t
Wolle, 160000 t Jute, 80 000 t Flachs, 40000 t Hanf und gegen 3000 t
Seide, insgesamt also über 1 Million Connen Faserstoffe aus. Unsere
Eigenproduktion spielte gegenüber diesen riesigen Auslandsbezügen auch
zuzüglich unserer bieherigen Kolonialproduktion nur eine verschwindend
geringe Rolle. Gegenüber früheren günstigeren Verhältnissen war die
Eigengewinnung an Wolle auf etwa 12000 t gesunken, auf Flachs auf
4000 t, und an Hanf war sie nur noch verschwindend gering. Unsere
Kolonien erzeugten etwa 20000 t Hanf, noch nicht 3000 t Baumwolle
und ein Minimum von Wolle, so daß Eigenerzeugung und kolonialwirtschaftliche
Erzeugung noch unter 50000 t zurückblieben. Für die Zukunft
werden wir wohl wieder mit einer beträchtlichen Steigerung unserer
Eigenerzeugung rechnen können, und zwar sowohl an Wolle, namentlich
auch unter Berücksichtigung der Zucht geeigneter Kaninchenarten, wie im
besonderen an Flachs und Hanf. In letzterer Beziehung verspricht namentlich
die deutsche Moorkultur noch sehr erhebliche Aussichten. Hierzu kommt
die Gewinnung der Faser von Nessel und Typha und anderen geeigneten
Pflanzen, deren Vorkommen in Deutschland vor dem Kriege nicht genutzt
war.
Was die Möglichkeit der Belieferung unserer Webwarengewerbe mit
ausländischen Stoffen im allgemeinen anbetrifft, so kann nicht unerwähnt
bleiben, daß die Vereinigten Staaten keineswege der überhaupt größte
Faserstofflieferant sind. Das größte Faserstoffproduktionsgebiet ist Asien.
Asien und Europa zusammen erzeugten vor dem Kriege rund 5 Millionent
Faserstoffe, die drei anderen Erdteile zusammen knapp 4½ Millionen.
Der größere Teil der asiatischen Faserstoffgewinnung entfällt allerdings
auf die Baumwolle und Zute Britisch-Indiene, untersteht also dem britischen
Generalstab des wirtschaftlichen Nachkrieges. Aber es ist doch nicht zu
übersehen, daß auch im nichtbritischen Mittel- und Vorderasien ausgedehnte
Möglichkeiten zur Faserstoffgewinnung vorhanden und teilweise
auch bereite nutzbar gemacht worden sind. Ferner spielen die selbständig
gewordenen Teile Rußlandes in der Faserstoffgewinnung eine nicht unwichtige
Rolle. Insbesondere hatten sie auf dem Markt für Flachs und Hanf