Full text : Geschichte des Preußischen Staates

Der  Charalter  des  Krieges.  —  Prag.  371

teilt  waren.  Gewiß,  Friedrich  wehrte  sich,  weil  er  angegriffen  war,  weil  sein  Staat
zerschlagen  werden  sollte,  aber  so  wenig  Achtung  ihm  die  Formen  und  Verfassung  des
Reichs  abgewinnen  konnten,  jetzt  ist  er  sich  mit  vollster  Deutlichkeit  dessen  bewußt,
daß  er  in  der  eigenen  Verteidigung  zugleich  die  Freiheit  des  deutschen  Vaterlandes
zu  sichern  hat,  und  weiß,  daß  es  die  Aufgabe  des  preußischen  Staates  ist,  für  das
ganze  Vaterland  einzutreten.  „Wenn  die  Freiheit  Deutschlands  ins  Grab  sinkt,
dann  soll  im  gleichen  Grabe  Preußen  ruhen.  Ich  werde  die  Freiheit  der  deutschen
Fürsten  selbst  wider  ihren  eigenen  Willen  schützen;  so  lange  ein  Preuße  am  Leben
ist,  so  lange  soll  man  nimmer  sagen,  daß  Deutschland  seiner  Verteidiger  entbehrt.“

Und  wie  der  König  diesen  Bern
Preußens  und  diesen  Charakter  des  Krieges
klar  ausspricht,  so  ließen  sich  die  Beispiele
  häufen,  daß  auch  im  ganzen  deutschen

olk  diese  Empfindung  lebendig  war,  und
selbst  der  junge  Erzherzog  Joseph  hat  es,
voller  Schrecken  über  die  Abhängigkeit,  in
die  Oesterreich  von  Frankreich  geriet,  nicht
an  Vorstellungen  über  die  Gefahr  des
französischen  Bündnisses  fehlen  lassen.
Als  trotziger  Knabe  ward  er  dafür  gescholten;
  es  sollten  durchaus  die  Waffen
entscheiden,  und  wie  hätten  die  zahlreichen
Gegner  auch  daran  zweifeln  mögen,  daß,
wenn  einmal  die  Staaten  ernstlich  gewogen
würden,  ihr  erdrückendes  Uebergewicht  dies
kleine  Preußen  blitzschnell  in  die  Höhe
schleudern  werde?

Wie  immer  die  Mitwelt  in  ihrer
Auffassung  von  der  Methodik  des  Krieges
den  König  ob  der  Kühnheit  seiner  Pläne
getadelt  hat,  uns  Nachlebenden,  die  wir
an  eine  Kriegführung  im  großen  Stil  Scn  Tod  bei  Baag,  an,  Engewöhnt
  sind,  erscheint  es  wie  selbst-  adierung  von  Daniel  Rikolaus  Thodowieck
verständlich,  daß  der  König  zuerst  die  o  c  attgäftsn  adnre
Oesterreicher,  noch  ehe  die  Franzosen  und

ssen  heran  waren,  treffen  und  sie  zerschlagen  wollte.  Am  10.  Januar  verließ  uu57
er  Berlin  —  nach  vollen  sechs  Jahren  erst  sollte  er  es  wiedersehen.  Vom
18.  April  an  rückten  die  Preußen  in  mehreren  Abteilungen  zur  Ueberraschung
der  Oesterreicher  in  Böhmen  ein,  am  2.  Mai  langte  der  König  mit  44000  Mann
vor  Prag  an,  wohin  Prinz  Karl  von  Lothringen  alle  österreichischen  Truppen
zusammenzuziehen  suchte.  Am  6.  traf  endlich  der  Feldmarschall  Schwerin  mit  6.  Wal
weiteren  20000  Mann  ein,  um  10  Uhr  früh  begann  die  Schlacht.  Und  obgleich
ihr  eigentliches  Ziel,  den  rechten  Flügel  des  österreichischen  Heeres  zu  umgehen
und  es  völlig  zu  vernichten,  mißglückte,  wurde  doch  der  glänzendste  Sieg  errungen.
Freilich  des  Königs  Anordnungen  ward  vielfach  nicht  genügt,  folgenschwere  Thaten
geschahen  wider  seine  Befehle.  Und  zu  seinem  schmerzlichsten  Zorne  verblutete
daher  manch  braves  Soldatenherz  mehr,  als  nötig  gewesen  wäre.  Ihrer  12  bis

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