Sechstes Buch.
Im neuen Rleich.
Die deutsche Einheit, auf den Schlachtfeldern Böhmens begründet, hatte sich
behauptet, hatte in der Sicherung der Westgrenzen zugleich die Gewähr für
ihre Dauer erkämpft. Mit unvertilgbarer Schrift hatte die Nation, wie Kaiser
Wilhelm in dern Thronrede dem ersten deutschen Reichstag es aussprach, auf
Frankreichs Schlachtfeldern ihren Willen verzeichnet, „#ein einig Volk zu sein und
zu bleiben"“. Damit waren aber die Machtverhältnisse der Staatengemeinschaft
Europas vollkommen andere geworden. Ein neues Zeitalter brach für Europa
an, in welchem Deutschland die Führung übernahm und ein Ansehen erlangte,
welches weit über das der Ottonen und Hohenstaufen hinausreichte. Die Schwäche
und die Zerrissenheit Deutschlands ist seit dem dreißigjährigen Kriege immer
wieder der Grund gewesen zu dreisten Uebergriffen der Mächte, zum Ausbruch
verheerender Kriege. Die Erstarkung Deutschlands, seine Befähigung, selbständig
und ohne Einmischung der fremden Mächte seine Geschicke zu bestimmen, erwies
sich als der zuverlässigste Bürge des Friedens.
Freilich, der eben so hart getroffene Gegner empfand es forkdauernd als
tiese Schmach, in einem Kampfe unterlegen zu sein, der, wie ruchlos auch immer
vom Zaune gebrochen, doch mit der größten Zähigkeit und Tapferkeit von ihm
durchgeführt war. Fort und fort rüstete er sich, bis er endlich bis an die Zähne
bewaffnet dastand, schon schüttelte der tobende Haß den Köcher mit vergifteten
Pfeilen, aber mit staunenswerter Umsicht, mit ebenso vollkommener Gerechtigkeit
wie bestimmter Entschlossenheit wußte Kaiser Wilhelm und sein getreuer Fürst
von Bismarck dem leidenschaftlichen Verlangen die Schranke aufzurichten. Ohne
Bundesgenossen hatte der Kaiser den harten Strauß ausgefochten — wie sollte
es nun doch nicht einige Besonnenheit in Paris erzeugen, wenn das ganze
kontinentale Europa sich an seine Seite stellte.
Edelmütig bot König Wilhelm noch im Dezember 1870 dem Herrscher von
Oesterreich die Hand. Ihn bestimmte der Wunsch, wie Bismarck schrieb, „mit
dem mächtigen und befreundeten Nachbarreiche Beziehungen zu pflegen, welche der
gemeinsamen Vergangenheit ebenso wie den Gesinnungen und Bedürfnissen der
beiderseitigen Bevölkerungen entsprächen“ und in persönlichen Besprechungen zwischen
beiden Herrschern und ihren Ministern zu Gastein, Ischl und Salzburg gelang
es, die Verstimmungen, welche noch herrschten, völlig auszugleichen. Dem Zaren
trug Kaiser Wilhelm für die freundschaftliche Hallung während der Kriege seinen
Dank ab, indem er ihm auf der Londoner Konferenz die Fesseln abnehmen ließ, welche
ihm der Pariser Friede bezüglich der Souveränikätsrechte im Schwarzen Meer auferlegt
hatte. Einseitig hatte Rußland zu aller Welt Erschrecken den Vertrag gekündigt, und
nun erkannte selbst der vornehmlich darob empörtke Engländer, daß allein durch die
staatsmännische Weisheit und das korrekte Verfahren Fürst Bismarcks der drohende
europäische Konflikt beseitigt sei. Alsbalb (September 1872) trafen die beiden