Metadata : Die Gewerbefreiheit für Bayern.

42

wird  doch  Jeder,  der  unsere  Lage  und  alle  hier  in  Betracht  kommenden
Verhältnisse  mit  unbefangenem  Blicke  prüft,  zugeben  müssen,  wie  es
kaum  einem  Zweifel  unterliegen  kann,  daß  unsere  Kinder  oder  Enkel
diesen  gefürchteten  (1)  Gast  bei  sich  werden  einkehren  sehen,  und  darum
wird  es  uns  zur  heiligen  Pflicht  gegen  unsere  Nachkommen,  diese  Erentualität
  recht  scharf  ins  Auge  zu  fassen  und  nach  allen  Kräften  dahin  zu
wirken,  daß  ihr  einstiges  Eintreten  uns  (1)  nicht  unvorberkitet  treffe,
daß  vielmehr  Alles  geschehe,  um  die  großen  Nachtheile,  die  sie  unzweifelhaft
  jetzt  für  uns  im  Gefolge  hätte,  bis  dahin  auf  das  möglichst
geringe  Maß  zu  reduciren.  Der  größte  Feind  der  Gewerbefreiheit
kann  den  gegenwärtigen  gewerblichen  Zuständen  das  Wort  nicht  reden,
die  Klagen  sind  zu  allgemein.“

Mit  diesen  diplomatischen  Wendungen  ist  so  ziemlich  ausgedrückt,
was  man  im  gewöhnlichen  Leben  sprüchwörtlich  meint:  Wasch'  mir  den
Pelz  und  mach'  ihn  nicht  naß!  —  oder  Schwimmen  lernen,  ohne  ins
Wasser  zu  gehen.  —  Dieselbe  Erscheinung,  wie  bei  der  Bewegung  des
politischen  Lebens,  wiederholt  sich  hier;  derselbe  Spruch:  „das  Volk  ist
noch  nicht  reif  zur  freien  Bewegung!“  und:  „nur  keine  Ueberstürzung!
keine  Ertreme!“  soll  auch  hier  seine  labyrinthischen  Kreuz=  und  Querzüge
  durchmachen.  Als  ob  gelehrte  Professoren  und  noch  so  weise
Regierungen,  mit  der  Staatsuhr  in  der  Hand,  den  Zeitpunkt  so  genau
reguliren  könnten,  wann  ein  Volk  reif  und  fähig  sei,  die  freie  Bewegung
  und  Selbstständigkeit  zu  vertragen!  Als  ob  die  ein  fachen,
offen  und  natürlich  gelegten  Verkehrswege  schwieriger  zu  wandeln  wären,
als  die  gekünstelten,  mit  Schranken  der  Verordnungen  eingezäunten
und  verbarrikadirten!  der  Dunst  dumpfer  Mauern  gesünder,  als  die
frische,  reine  Himmelsluft!  Die  Herren  Aerzte  sind  wahrlich  zu  ängstlich
  für  den  Patienten,  der  bei  weitem  nicht  so  schwächliche  Constitution
hat,  wie  ihre  Diagnose  vermeint.

Bei  Errichtung  der  Eisenbahnen,  die  so  tief  und  so  plötzlich  in
das  ganze  wirthschaftliche  Leben  des  Staates  eingriffen,  hörte  man
dieselben  Klagen  der  Vorahnung  und  ängstlichen  Befürchtung,  daß  die
Landwirthschaft  Schaden  leide,  die  Wirthe  und  Kutscher  total  ruinirt
und  Pferde  und  Hafer  keinen  Preis  mehr  haben  werden,  daß  das
Proletariat  entsetzlich  anwachse  u.  dergl.  Von  all  diesen  Nachtheilen
hat  die  Wirklichkeit  nichts  gezeigt.  Die  Landwirthschaft  hat  sich  mit
den  Eisenbahnen  gehoben,  die  Wirthe  treiben  ihre  Geschäfte  so  einträglich
  wie  zuvor,  die  Kutscher  fuhrwerken  mehr  als  je,  die  Pferde  und
der  Hafer  sind  theurer  geworden,  und  Tausende,  die  dem  Proletariat
anheim  gefallen  wären,  haben  Brod  erhalten;  der  Wohlstand  ist  in
der  Gesammtheit  gestiegen  und  Jedermann  ist  jetzt  mit  den  weiland
gefürchteten,  durch  die  ängstlich  beschränkte  Gespensterseherei  der  „Bieder-