340 Mebersicht der pelitischen Gukwichelnng des Jahres 1890.
gemacht und in einem Vertrage die Oberhoheit Italiens anerkannt.
Die Grenzen des großen Reiches, das dadurch italienischem Einfluß
unterworfen ist, sind noch nicht festgestellt, namentlich bestehen noch
Zweifel bezüglich der Abgrenzung gegen das in englischer Hand
befindliche Egypten.
Die Kolonialpolitik aber kostet Italien Geld und die Finanzen
sind noch immer der schwächste Punkt seines Staatswesens. Den
Zollkrieg gegen Frankreich ist es nicht im stande gewesen durchzuführen
und hat seine Kampfzölle fallen lassen müssen, ohne daß
Frankreich ihm dafür die gewünschten Gegenkonzessionen gemacht
hätte. So lange Italien dem Dreibund angehört, wird Frankreich
ihm niemals einen wohlwollenden Blick gönnen. Der Dreibund
aber ist die natürliche Rückendeckung Italiens gegen Frankreichs
Uebermacht und Vorherrschaft im Mittelmeer, wie speziell der italienischen
Monarchie gegen die den ganzen romanischen Süden durchziehenden
Tendenzen des Republikanismus. Die radikal-republikanische
Fraktion in Italien ist deshalb zugleich die Verfechterin
des französischen Interesses und Gegnerin des Dreibundes. Sie
möchte die Spitze der italienischen Politik gegen Oesterreich kehren,
als den Erbfeind und diejenige Macht, die noch erhebliche Gebiete
italienischer Zunge, Walschtyrol und Triest beherrscht und hergeben
soll. An diesen weitverbreiteten nationalen Instinkt knüpfen die
Radikalen an und pflegen die Idee der „Italia irredenta“. Crispi
aber, der leitende Staatsmann, obgleich selbst von der äußersten
Linken ausgegangen, hat erkannt, wo das wahre Interesse Italiens
liegt und hat auch die Entschlossenheit seine Politik mit unantastbarer
Loyalität durchzuführen. Als der Finanzminister Seismit-Doda
einem Bankett beiwohnte, wo irredentistische Ansprachen gehalten
wurden und sich statt seinen Widerspruch zu demonstrieren,
schweigend verhielt, erhielt er auf der Stelle in der schärfsten Form
seine Entlassung (September). Die Frage für den Dreibund und
Crispi oder für Frankreich und die Irredentisten wurde endlich
das Stichwort für die Neuwahlen zum Parlament. In einer höchst
geistvollen Rede in Florenz (8. Oktober) verteidigte Crispi seine
Politik und wies namentlich darauf hin, daß der Irredentismus,
der doch notwendig zum Kriege führen müsse, gleichzeitig sich nicht