Uebersicht der politischen Eutwichelung des Jahres 1890. 341
scheue, die Abrüstung zu verlangen. Ein Besuch, den bald darauf
der neue deutsche Reichskanzler dem italienischen Staatsmann abstattete
#in Mailand 7. Nov.) trug dazu bei, sein Ansehen zu festigen.
Die Radikalen, die sich allein zu dem Programm des Frredentismus
bekannten, erlitten bei den Wahlen eine vollständige Niederlage;
mehr als vier Fünftel der Deputierten waren Anhänger
Crispis. Die eigentliche Opposition, die Klerikalen, hatten freilich
auch diesmal, den päpstlichen Befehlen folgend, sich vom Wahlkampf
ferngehalten.
Seit langem steht die Schweiz an der Spitze der Bewegung, Schweiz.
die soziale Frage nach der Seite der Arbeiterschutz-Gesetzgebung zu
regeln und zu diesem Zweck auch internationale Vereinbarungen zu
treffen. Schon im Jahre 1889 hatte die Eidgenossenschaft deshalb
eine Einladung ergehen lassen (vgl. die Uebersicht dieses Jahres
S. 386), aber wegen des Wohlgemuth-Konflikts mit dem Deutschen
Reich verschoben. Nunmehr nahm Deutschland selber das Problem
in die Hand und die Schweiz trat von der Führung zurück. Durch
einen neuen Niederlassungsvertrag wurde die Wiederherstellung des
guten Verhältnisses zu Deutschland definitiv besiegelt.
Merkwürdig ist, daß in dieser demokratischen Republik der
von Deutschland in so großartiger Weise durchgeführte Teil des
sozialen Problems, die soziale Versicherung nicht ins Rollen zu
bringen ist. Das Basler Volk lehnte ein schon fertiges Krankenversicherungsgesetz
endlich in der Volksabstimmung mit großer Majorität
ab (24. März).
Bekanntlich schützt die republikanisch-demokratische Regierungsform
nicht davor, daß nicht die Majorität in tyrannischer Weise
die Freiheit der Minorität zu unterdrücken sucht. Da kommt es
denn zu Gewaltsamkeiten und Revolutionen nicht anders als in
Aristokratien und Monarchien. Auch die Schweiz mußte das in
diesem Jahr einmal wieder erfahren. Im Kanton Tessin stehen
sich die Parteien der Liberalen und Klerikalen (Konservativen) etwa
gleich stark einander gegenüber. Die Klerikalen waren am Ruder
und suchten die Hilfsmittel der Exekutive zu benutzen, um sich die
Mehrheit bei den Volksabstimmungen weiter zu sichern. Die Liberalen
antworteten mit einer Revolution, in der ein klerikaler Staats-