Full text : Publicationen aus den K. Preussischen Staatsarchiven. Preussen und die Katholische Kirche seit 1640. (77)

Schlesien.  461

thum  der  katholischen  Glaubensgenossen  in  jeder  Dioeces  sei.  Es  fällt
dem  Clero  zu  hart,  diesen  mit  dem  System  der  Hierarchie  verwebten  Grundsatz
  sogleich  aufgeben  zu  sollen.  Fest  bin  ich  tiberzeugt,  dass  die  schlesischen,
  jetzigen  sehr  toleranten  Katholiken  eher  sich  in  ihren  ersten  Glaubenslehren
  Abänderungen  gefallen  lassen,  als  in  die  Abtretung  der  Kirchen
willigen  dürften.  Sei  es  auch  ein  irriger  Wahn,  in  dem  sie  sich  befinden,
so  lehrt  doch  die  Geschichte  eines  jeden  Volks,  dass  der  Kampf  gegen
Meynungen,  die  man  mit  Glaubenslehren  vermengt  hat,  stets  der  hartnäckigste
  gewesen  und  selten  durch  Gründe  der  reinen  Vernunft  beigelegt
worden  ist.  Nun  ist  zwar  kein  Bedenken,  dass  die  Katholiken  hiesiger
Provinz  den  landesherrlichen  Befehlen  alle  Folge  leisten  müssen,  allein  im
stillen  werden  sie  diese  Befehle  doch  als  Unterdrückung  genossener  Rechte
beseufzen,  die  Stimmung  der  Gemüther  verfällt  in  Trübsinn,  das  Lob  vergangener
  Zeiten  bleibt  nicht  aus,  und  so  wird  ein  sehr  nachteiliger  Einfluss
auf  die  bürgerlichen  und  gesellschaftlichen  Verhältnisse  erzeugt,  die  zeither
zwischen  Katholiken  und  Protestanten  in  der  besten  Eintracht  existirten;
es  sind  die  Folgen  nicht  zu  berechnen,  die  durch  falschen  Religions-Eifer
herbeigeführt  werden  können.

Hätte  der  Staat  einen  überwiegenden  Vorteil,  verschiedene  Kirchen  der
Katholiken  in  den  Händen  der  Protestanten  zu  wissen,  so  wiirde  ich  weniger
auf  die  Stimmung  der  hiesigen  Katholiken  reflectiren  und  E.  M.  Geduld
nicht  mit  diesen  details  ermfiden.  Allein  das  Ganze  läuft  dahin  aus,  dass
die  protestantischen  Gemeinen,  welche  zeither  ihre  Kirchen  und  Geistlichen
aus  ihren  Mitteln  errichteten  und  unterhielten,  jetzt  durch  die  katholischen
Kirchen  und  deren  Vermögen  bei  ihren  Bauen  und  Ausgaben  soulagirt
werden.

Es  entgeht  den  Bemerkungen  der  Katholiken  keineswegs,  dass  die
lutherischen  Geistlichen  nach  den  katholischen  Pfarrwidmuthen  geizen,  sich
zu  Parochis  erheben  und  den  Decem  geniessen  wollen;  daher  auch  dieser
Gesuche  um  Abtretung  katholischer  Kirchen  immer  mehrere  werden,  indem
83  an  gewinnstichtigen  lutherischen  Predigern  nicht  fehlt,  die  ihre  Gemeinen
zu  dergleichen  Anträgen  aufhetzen.

Der  Gewinn  der  Protestanten  auf  der  einen  und  der  Verlust  der  Katholiken
  auf  der  andern  Seite  macht  Factionen  unter  den  verschiedenen
Glaubensgenossen,  und  in  der  Stadt  Striegau  zeigen  sich  schon  Spuren  von
gegenseitiger  Animosität  unter  den  Bürgern,  da  die  Lutberaner  die  katholische
  dortige  Pfarrkirche  in  Anspruch  nehmen,  wozu  tritt,  dass  diese  Kirche
eine  Maltheser-Kirche  ist,  mithin  auch  deshalb  mit  dem  Maltheser-Orden
neue  Contestationen  entstehen  würden.

Es  hat  Zeit  und  Mühe  erfordert,  den  Schlesischen  Catholicismum  mit
dem  in  den  Preussischen  Staaten  herrschenden  Geist  der  Aufklärung  vertraut
  zu  machen,  und  ich  habe  durch  36  Jahr  darauf  nicht  ohne  Erfolg
gearbeitet.  Er  schritt  bereits  zur  ächten  Duldung  gegen  die  Protestanten

1804
Okt.  7