Schlesien. 461
thum der katholischen Glaubensgenossen in jeder Dioeces sei. Es fällt
dem Clero zu hart, diesen mit dem System der Hierarchie verwebten Grundsatz
sogleich aufgeben zu sollen. Fest bin ich tiberzeugt, dass die schlesischen,
jetzigen sehr toleranten Katholiken eher sich in ihren ersten Glaubenslehren
Abänderungen gefallen lassen, als in die Abtretung der Kirchen
willigen dürften. Sei es auch ein irriger Wahn, in dem sie sich befinden,
so lehrt doch die Geschichte eines jeden Volks, dass der Kampf gegen
Meynungen, die man mit Glaubenslehren vermengt hat, stets der hartnäckigste
gewesen und selten durch Gründe der reinen Vernunft beigelegt
worden ist. Nun ist zwar kein Bedenken, dass die Katholiken hiesiger
Provinz den landesherrlichen Befehlen alle Folge leisten müssen, allein im
stillen werden sie diese Befehle doch als Unterdrückung genossener Rechte
beseufzen, die Stimmung der Gemüther verfällt in Trübsinn, das Lob vergangener
Zeiten bleibt nicht aus, und so wird ein sehr nachteiliger Einfluss
auf die bürgerlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse erzeugt, die zeither
zwischen Katholiken und Protestanten in der besten Eintracht existirten;
es sind die Folgen nicht zu berechnen, die durch falschen Religions-Eifer
herbeigeführt werden können.
Hätte der Staat einen überwiegenden Vorteil, verschiedene Kirchen der
Katholiken in den Händen der Protestanten zu wissen, so wiirde ich weniger
auf die Stimmung der hiesigen Katholiken reflectiren und E. M. Geduld
nicht mit diesen details ermfiden. Allein das Ganze läuft dahin aus, dass
die protestantischen Gemeinen, welche zeither ihre Kirchen und Geistlichen
aus ihren Mitteln errichteten und unterhielten, jetzt durch die katholischen
Kirchen und deren Vermögen bei ihren Bauen und Ausgaben soulagirt
werden.
Es entgeht den Bemerkungen der Katholiken keineswegs, dass die
lutherischen Geistlichen nach den katholischen Pfarrwidmuthen geizen, sich
zu Parochis erheben und den Decem geniessen wollen; daher auch dieser
Gesuche um Abtretung katholischer Kirchen immer mehrere werden, indem
83 an gewinnstichtigen lutherischen Predigern nicht fehlt, die ihre Gemeinen
zu dergleichen Anträgen aufhetzen.
Der Gewinn der Protestanten auf der einen und der Verlust der Katholiken
auf der andern Seite macht Factionen unter den verschiedenen
Glaubensgenossen, und in der Stadt Striegau zeigen sich schon Spuren von
gegenseitiger Animosität unter den Bürgern, da die Lutberaner die katholische
dortige Pfarrkirche in Anspruch nehmen, wozu tritt, dass diese Kirche
eine Maltheser-Kirche ist, mithin auch deshalb mit dem Maltheser-Orden
neue Contestationen entstehen würden.
Es hat Zeit und Mühe erfordert, den Schlesischen Catholicismum mit
dem in den Preussischen Staaten herrschenden Geist der Aufklärung vertraut
zu machen, und ich habe durch 36 Jahr darauf nicht ohne Erfolg
gearbeitet. Er schritt bereits zur ächten Duldung gegen die Protestanten
1804
Okt. 7