Full text : Deutsches Kolonialblatt. XXVI. Jahrgang, 1915. (26)

Das  dentsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  22  -23)  37

angenommen  würden.  Er  wolle  die  Hoffnung  auf  eine  gedeihliche  Erledigung
derselben  nicht  aufgeben.  Zu  den  Mitgliedern  des  Bundesrates  gewendet,
sagt  der  Kaiser:  „Ihrer,  meine  Herren,  bin  ich  zu  meiner  großen  Genugthuung
  sicher."

2.  März.  (Preußen.)  Abg.-  Haus:  Steuerkommission:  beendigt
  die  1.  Lesung  des  Kapitalrentensteuer-    Gesetzentwurfs.  Die
Aussichten  auf  ein  Zustandekommen  des  Gesetzes  haben  sich  inzwischen
keineswegs  gebessert.

22.  März.  (Bayern.)  Die  ultram.  Mehrheit  der  Gemeindebehörden
  von  München,  welche  die  Ausgaben  für  das  Schulwesen
in  jeder  Weise  herabdrücken  und  aus  Sparsamkeit  sogar  die  Straßenpflasterung
  vernachlässigen  will,  hat  dagegen  einen  städtischen  Zuschuß
von  je  150.000  M.  für  die  Erbauung  von  nicht  weniger  als  drei
katholischen  Kirchen  auf  einmal  bewilligt.  Der  Beschluß  macht
großes  Aufsehen  und  viel  böses  Blut.  Die  Regierung  setzt  indes
dem  kirchlichen  Eifer  einen  Dämpfer  auf,  indem  sie  den  Zuschuß
vorerst  auf  Eine  neue  katholische  Kirche  beschränkt.

23.  März.  (Deutsches  Reich.)  Um  die  Grundlagen  für  eine
energische  Rekonstruktion  der  nationalliberalen  Partei  zunächst  in
Süddeutschland  zu  gewinnen,  treten  42  hervorragende  Mitglieder
dieser  Partei  in  Heidelberg  zusammen  und  einigen  sich  über  folgende
Punkte  positiver  praktischer  Politik  gegenüber  den  Tendenzen  der
neuen  radikalen  oder  deutschfreisinnigen  Partei:

„Die  am  23.  März  1884  in  Heidelberg  zur  Besprechung  über  die
politische  Lage  versammelten  Mitglieder  der  nationalen  und  liberalen  Partei
in  Baden,  der  deutschen  Partei  in  Württemberg,  der  nationalliberalen  Richtung
  in  Bayern  diesseits  und  jenseits  des  Rheins,  der  hessischen  Fortschrittspartei
  und  der  nationalliberalen  Partei  der  Provinz  Hessen-Nassau  fanden
sich,  im  Anschluß  an  das  nationalliberale  Parteiprogramm  vom  29.  Mai
1881,  durchaus  einig  in  der  Beurteilung  der  allgemeinen  Verhältnisse  des
deutschen  Reichs  und  der  Stellung  der  nationalen  und  liberalen  Landesparteien
Süddeutschlands  zu  den  wichtigsten  Tagesfragen.  Sie  betrachten  die  Kräftigung
  des  Reichs  und  die  Förderung  der  gemeinsamen  Angelegenheiten
des  deutschen  Volks  auf  dem  bundesstaatlichen  Boden  der  Reichsverfassung
nach  wie  vor  als  ihre  vornehmste  Aufgabe.  —  Insbesondere  werden  sie  unablässig
  für  die  Erhaltung  einer  starken  deutschen  Heeresmacht  eintreten
und  kein  notwendiges  Opfer  scheuen,  um  die  Unabhängigkeit  des  Vaterlandes
allen  Wechselfällen  gegenüber  sicherzustellen.  —  Mit  der  ganzen  Nation  teilen
sie  die  hohe  Befriedigung  über  die  auswärtige  Politik  des  deutschen
Reichs  und  die  großen  Erfolge  der  Friedensbestrebungen  des  Reichskanzlers.
  —  Sie  billigen  die  auf  eine  erhöhte  Fürsorge  für  das  Wohl  der
arblitenden  Klassen  gerichteten  Bestrebungen  des  Reichskanzlers  und  unterstützen,
  vorbehaltlich  einer  sorgfältigen  Prüfung  der  einzelnen  Maßregeln,

dieReichsregierung  in  ihren  Bemühungen,  die  soziale  Lage  der  arbeitenden
  Klassen  zu  verbessern.  Sie  hoffen,  daß  das  Unfallversicherungsgesetz
  noch  in  der  gegenwärtigen  Session  des  Reichstags  zustande