456 Die wissenschaftliche Bedeutung der Akademie Friedrien's 1.
sehr bedeutend, ja er ist in der Zeit von 1770-56 und dann noch
weitere zwanzig Jahre unstreitig der wirksamste Akademiker innerhalb
der Körperschaft selbst gewesen. Das Vertrauen des alternden
Königs besass er wie kein Anderer', wurde häufig. zumal naclı dem
Tode p’ÄRGENns, dessen Stelle als Direetor der Klasse der Belles-Lettres
er 1771 erhielt, zu ilım berufen und vermittelte es, dass der
Monarch in persönliche Beziehungen zu einzelnen Akademikern trat.
Bei solchen Audienzen ist er stets zugegen gewesen. Es war em
Vortheil. dass sich der König an Stelle n’Arseexns’ nun mit MeERIAN
über litterarische und philosophische Fragen unterhielt: denn der
Schweizer war an Kenntnissen und Ernst dem witzigen Südfranzosen
weit überlegen. Die Akademie aber konnte sich keinen besseren
Fürsprecher beim Könige wünschen als diesen unparteiischen und
liebenswürdigen Mann, der mit ganzer Seele in der Akademie lebte
und nur für sie arbeitete und schrieb. Jeder Verein braucht mindestens
ein Mitglied. in welchem sich der Vereinsgedanke gleichsam
verkörpert und dessen ganzes Interesse in der Sorge für den gemeinsamen
Zweck aufgeht — dieser Maın ist für die preussische
Akademie von Jahre 1770 bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts
MERIAN gewesen. Er hat bereits vor 1750 und noch nach 1800
für die Akademie geschrieben” und die Traditionen MAupertuis’ bis
an die Schwelle der Akademie HungoLor's geleitet. Er ist es auch
gewesen, der in der Regel die Beurtheilungen der philosophischen
und litterarischen Preisarbeiten verfasst und in den Memoires veröffentlicht
lat. Von ihm stammen die Gutachten über MENDELSSoHX
und Kaxt, über Herner, GarvE, MicHAcLıs, MEeISeRS und Scnwaß.
Er hat LangerT's schwerfällig geschriebenen kosmologischen Briefen
durch seine französische Übersetzung ein Weltpublieum gewonnen,
zu Kayr übergeht. mit den Worten: »J'y cherche en vain notre chere Metaphysique:
elle a disparın comme un songe: la science reine est descendue de son tröne. et
ce tröne est venverse«. Er geht aber nicht auf die sachliche Kritik ein, sondern
verfolgt die Erscheinungsform. die Geschichte und die Wirkung beider Philosophien.
Er streift die übertriebenen Lobeserhehungen. die sich bis zu der Höhe
gesteigert haben. Kayr habe das Werk Jesu Christi vollendet! »En verite Von
m’excusera; mais le jugemment le plus charitable que l’on puisse porter de tels panegyristes.
ne serait-ce pas de les croire echappes je ne sais d’oüu?d« Aber von Kaxr
selbst sagt er: »Le dessein louable du philosophe ceritique, c'est d’epurer nos facultes
de tout alliage heterogene. d’assigner au juste leur portee. de decourvrir jusqu’ou
elles vont, ce qu’elles donnıent et ce qu’elles refusent«.
! Schon als den Schwiegersohn seines verewigten Freundes Jorpax bevorzugte
ilın der König.
* Die erste Abhandlung Merıan’s steht in den Memoires von 1749. die letzte
(ein Eloge) in den Menioires von 1804.