Greindl meinte in seinem Berichte vom 14. Mai!), man habe vielleicht
auch dagegen Bedenken getragen, den bereits enormen Einfluß des russischen
Finanzministers durch 500 bis 600 Millionen Mark noch weiter
zu stärken; sicherlich aber habe das Haus Rothschild mindestens mit
Zustimmung der französischen Regierung gehandelt: das erweise eine
Verstimmung des Pariser Kabinetts gegen das Petersburger. Nach
einer Äußerung des Barons v. Marschall, die Greindl wiedergibt, hatte
die französische Regierung vor kurzem die russische über die Haltung
befragt, die sie im Falle eines Krieges zwischen Frankreich und Deutschland
einzunehmen gedächte. Die Antwort soll gewesen sein: Wenn Frankreich
durch Deutschland angegriffen würde, werde es von Rußland unterstützt
werden; greife es aber Deutschland an, so geschehe dies auf seine
eigene Rechnung und Gefahr. Über diese Auskunft verstimmt, habe
Frankreich die neue Anleihe scheitern lassen.
Frankreich hatte damit den Weg beschritten, der in seiner Lage
am meisten Wirkung versprach, Genau wie es versucht hatte, Italien
durch finanzielle Bedrängnis und durch rücksichtslose Mittel des Wirtschaftskrieges
aus der Friedensliga herauszudrängen — es ist zu
beachten, daß Baron Greindl wiederholt den Dreibund als Friedensliga
bezeichnet —?), genau so zeigte es Rußland jetzt seine wirtschaftliche
Macht und glaubte sich seines Erfolges dabei ganz sicher.
Bevor es aber in seiner Werbung um ein Bündnis mit dem Zarenreiche
zum Ziele gelangte, mußte es zunächst den aus der Ablehnung der russischen
Anleihe sich ergebenden Rückschlag in Kauf nehmen. Die am
12. Mai in Moskau eröffnete französische Ausstellung, von der man sich
offenbar in Paris eine werbende Kraft versprochen hatte, scheiterte in
diesem Ziele jedenfalls vollkommen, da der Zar seinem Bruder, dem
Großfürsten Sergius, untersagte, an den Eröffnungsfeierlichkeiten teilzunehmen.
Das Spielen der Marseillaise wurde nicht gestattet, und auch
sonst herrschte ein derart frostiger Ton, daß die Mitglieder des französischen
Komitees, unter ihnen Flourens, der ehemalige Minister des Äußeren,
noch am Tage der Eröffnung Moskau wieder verließen, um nach Paris
zurückzukehren?).
Frankreichs geheime Tätigkeit gegen den Dreibund hatte also zunächst
weder in Rom noch in Petersburg Erfolg gehabt. In Rom erklärte
di Rudini am 29. Juni, daß der Dreibund, die Friedensliga des Barons
Greindl, erneuert sei. In Petersburg herrschte Verstimmung gegen Frankreich.
Wiederum mußte vom Standpunkte der deutschen Politik aus Englands
Haltung zum Dreibunde an Bedeutung gewinnen. Der deutsche
Kaiser ließ denn auch kein zur Verbesserung der deutsch-englischen
Beziehungen ihm geeignet erscheinendes Mittel unversucht. Der Standpunkt
des Lord Salisbury blieb aber trotzdem unverändert der gleiche.
1) Bd. V, S. 281/282.
2) Berlin, 27. Juni 1891, Bd. V, S. 102.
?) Bericht des belgischen Konsuls zu Moskau vom 12. Mai 1891; Bd. V, S. 98.
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