Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Ergänzungsheft zum Europäischen Geschichtskalender für 1865. (6a)

zum  Geschichtskalender  1865.  71

13.  Mai.  (Kurhessen).  Auch  die  kurhessische  Regierung  trifft  einige
Vorsichtsmaßregeln.  Doch  beruhigt  die  officielle  Kasseler  Ztg.  alsbald,
  die  Nachricht  von  Einberufung  der  beurlaubten  Soldaten  sei
unrichtig;  es  seien  noch  gar  keine  Einberufungen  zur  Active  erfolgt,
sondern  nur  die  ins  Ausland  beurlaubten  Leute  zur  Rückkehr  in  die
Heimath  behufs  Dienstbereitschaft  aufgefordert  worden.

14.  〃  (Preußen).  Die  Stadbtverordneten  von  Köln  beschließen  in

außerordentlicher  Sitzung  eine  Adresse  an  den  König.

Es  wird  darin  ausgesprochen:  Als  vor  einigen  Jahren  die  preuß.  Armee
gegen  den  nordischen  Feind  ausgerückt  sei,  habe  allgemeine  Begeisterung  geherrscht;
  jetzt  aber  drohe  die  Gefahr,  daß  sich  die  Waffen  gegen  deutsche  Brüder
  richten.  Die  Nothwendigkeit  eines  solchen  Kampfes  werde  nicht  anerkannt;
derselbe  werde  Deutschland  dem  Auslande  gegenüber  zur  Zerrissenheit  und  Machtlosigkeit
  führen,  und  man  habe  die  Gefahr  vor  Augen,  daß  die  Rheinlande,
  die  Friedrich  Wilhelm  III.  einst  die  Vormauer  der  deutschen  Freiheit
und  Unabhängigkeit  genannt  habe,  würden  losgerissen  werden.  Die  Rheinländer
  wollten  Deutsche,  wollten  Preußen  bleiben;  aber  sie  scheuten  es,  das
Blut  deutscher  Brüder  zu  vergießen.  Die  Weisheit  Sr.  Maj.  werde  Mittel
und  Wege  finden,  den  Frieden  zu  erhalten  und  auf  der  Bahn  desselben  auch
ohne  innern  Kampf  Preußen  in  seiner  Stellung  als  den  Kern  der  Kraft
Deutschlands  zu  erhalten  und  zu  stärken.

Eine  Reihe  von  anderen  Städten  der  Rheinprovinz  und  Westphalens

  folgt  dem  Beispiele  Kölns  und  beschließt  Adressen  an  den
König  gegen  den  Krieg.  
〃   〃   (Preußen.)  Eine  königliche  Cabinetsordre  ordnet  ausgedehnte
Truppenconcentrationen  namentlich  in  Sachsen  und  Schlesien  an,
die  bis  zum  15.  Juni  vollendet  sein  sollen
〃  〃  (Preußen)  Die  officiöse  Nordd.  Allg.  Zeitung  droht  mit  revolutionären
  Maßregeln,  wofern  die  mittelstaatlichen  Regierungen
den  Planen  Preußens  bez.  seines  Parlamentsantrages  nicht  entgegen

kommen  würden:

„Preußen  hat  seine  Reformbestrebungen  auf  diejenigen  Gebiete  und  auf
das  Maß  eingeschränkt,  innerhalb  deren  es  glauben  durfte,  daß  die  deutschen
Regierungen  im  Gesammtinteresse  Deutschlands  darauf  eingehen  würden.  Es
sind  diese  Grenzen  zunächst  nicht  auf  alles  für  die  Nation  Wünschenswerthe
ausgedehnt,  sondern  nur  auf  dasjenige,  was  möglicherweise  mit  Zustimmung
der  Regierungen  als  erreichbar  erscheint.  Sollte  sich  herausstellen,  daß  das
unter  dieser  Voraussetzung  erreichbare  Maß  von  Reformen  unzulänglich  und
von  Preußen  nicht  annehmbar  wäre,  oder  sollten  kriegerische  Ereignisse  die
Verhandlungen  abschneiden,  dann  würde  für  Preußen  jedes  Motiv  wegfallen,
den  Umfang  der  berechtigten  Forderungen  enger  zu  wählen,  als  nach  den
realen  Bedürfnissen  des  Volkes  erforderlich  ist.  Wenn  Preußen  vollends  gezwungen
  würde,  einen  Existenzkampf  zu  führen,  so  müßte  es  auch  erwägen,
  in  wie  weit  das  dringende  Bedürfniß  der  Nation  nach  einer  Umgestaltung
  der  Bundesverfassung  sich  als  Hebel  der  eigenen  Macht  und
als  Kriegswaffe  verwerthen  ließe.  Gerade  weil  Preußen  dieser  Extremität
  vorbeugen  will,  weil  es  die  Reform,  nicht  die  Revolution  erstrebt,
darum  hat  es  den  angedeuteten  Weg  eingeschlagen.  Preußen  bedauert,  die
Wahrnehmung  machen  zu  müssen,  daß  einstweilen  der  Anschein  vorhanden
ist,  als  ob  die  deutschen  Regierungen  gegen  die  nationale  Reform  unter  die
Waffen  treten.  Daß  Württemberg,  Hannover,  Sachsen,  Hessen-Darmstadt