Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebenter Jahrgang. 1891. (32)

48  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  28.)

verführt  würden,  einen  nicht  mehr  recht  tauglichen  Mann  aus  gewissen  menschlichen
  Gefühlen  länger  zu  behalten,  damit  ihm  die  Prämie  nicht  entgehe.
Der  Antrag  führe  also  eine  weit  längere  Dienstzeit  herbei,  als  beabsichtigt
sei.  Die  Vorlage  und  noch  mehr  der  Antrag  Windthorst  werde  eine  ganz
außerordentliche  Verlangsamung  des  Avancements  innerhalb  des  Unteroffizierkorps
  zur  Folge  haben.  Je  länger  die  Leute  im  Dienst  blieben,  desto  später
werde  der  Einzelne  Sergeant,  Vize-Feldwebel  und  Feldwebel  werden.  Führe
man  ein  fremdländisches  Muster  in  die  Armee  ein,  so  könne  man  es  nicht
einseitig  thun.  Die  Franzosen  hüteten  sich,  am  Ende  der  Dienstzeit  eine
Prämie  zu  geben,  da  gebe  es  periodische  Prämien  und  fortlaufende  Zuschläge
zum  Gehalt  während  der  Dienstzeit.  Dann  sei  der  Antrag  Windthorst  von
besonders  zweifelhaftem  Erfolg  deshalb,  weil  der  Unteroffizier  vollständig
unsicher  darüber  bleibe,  ob  man  ihn  wirklich  so  lange  im  Dienst  lasse,  bis
er  die  Berechtigung  auf  die  Prämie  erlange.  Nach  der  Regierungsvorlage
erwachse  eine  Berechtigung  auf  eine  Prämie,  wenn  auch  eine  geringere,  schon
in  früheren  Jahren.  Es  hänge  ja  nicht  von  den  Unteroffizieren  ab,  ob  sie
zwölf  Jahre  dienten.  In  der  Kommission  habe  man  erklärt,  man  wolle  die
Leute  nur  immer  auf  ein  Jahr  kapitulieren  lassen,  um  sie  in  der  Hand  zu
haben.  Die  Aussicht  auf  die  Prämie  sei  durchaus  unsicher,  wie  sie  unsicherer
nicht  gedacht  werden  könne.  In  Frankreich  habe  der  Unteroffizier  eine  gesicherte
  rechtliche  Stellung.  Man  gehe  mit  ihm  auf  zwei  und  fünf  Jahre
ein  Engagement  ein,  und  dann  könne  er  nach  Ablauf  der  fünf  Jahre  wieder
auf  zwei  oder  fünf  Jahre  kapitulieren.  Er  könne  dieser  Stellung  nur  verlustig
  gehen,  wenn  ein  aus  Offizieren  und  Unteroffizieren  gebildetes  Gericht
unter  Bestätigung  des  kommandierenden  Generals  ihm  dieselbe  abspreche.
Der  Abg.  Dr.  Windthorst  wolle  eine  große  Mehrheit  auf  seinen  Antrag
vereinigen.  Es  sei  ja  sehr  schön,  wenn  eine  große  Mehrheit  für  den  Regierungsvorschlag
  herauskomme;  aber  dann  sollte  die  Regierung  umsomehr  ihre
Vorlage  so  gestalten,  daß  sie  eine  Mehrheit  finde.  Der  Abg.  Dr.  Windthorst
  habe  sehr  stolz  seine  Rede  damit  geschlossen,  das  Volk  erliege  unter
der  Last.  Diese  feierliche  Verwahrung  mache  einen  eigentümlichen  Eindruck,
wenn  er  selbst  dazu  beitrage,  auf  den  Wagen  weiteres  Gepäck  hinaufzuwerfen.
Der  Abg.  Dr.  Windthorst  habe  gemeint,  man  müsse  wieder  einmal  beweisen,
daß  man  im  Reichstage  fest  zur  Monarchie  stehe,  um  alle  Zweifel  daran
jetzt  zu  beseitigen.  Ja,  wer  das  noch  nicht  im  Auslande  begriffen  habe,
dem  sei  auch  mit  den  Unteroffizierprämien  nicht  zu  helfen.  Wenn  man  die
Sache  so  hochpolitisch  auffasse,  warum  bewillige  der  Abg.  Dr.  Windthorst
nur  drei  Viertel:  Diese  Frage  sei  viel  weniger  eine  militärische,  als  eine
bürgerliche.  Es  handele  sich  um  die  einfache  thatsächliche  Frage:  Was  mache
die  Auszahlung  einer  Summe  von  1000  M  beim  Eintritt  in  das  bürgerliche
  Leben  aus,  und  was  mache  sie  für  einen  Eindruck  auf  den,  der  in  das
militärische  Verhältnis  eintrete,  um  später  wieder  in  das  bürgerliche  überzugehen?
  Deshalb  sei  man  hier  ebenso  kompetent  wie  die  Militärverwaltung.
Die  Kapitalabfindung  statt  fortlaufender  Besoldung  sei  ein  ganz  neues  Prinzip
im  deutschen  Besoldungssystem.  Warum  habe  man  das  nicht  anderswo  schon
eingeführt?  Weil  man  sich  sage,  es  sei  zweifelhaft,  ob  der  Mann  sich  damit
für  den  Rest  seines  Lebens  eine  passende  Versorgung  beschaffe.  Man  höre,
daß  eine  Novelle  zum  Pensionsgesetz  auch  noch  beabsichtigt  werde.  Dann
sollte  man  diese  Frage  doch  im  Zusammenhang  damit  erörtern.  Glaube
man  wirklich,  daß  mit  1000 M  den  Unteroffizieren  eine  sichere  Grundlage
für  ihre  Existenz  gegeben  sei!  Was  solle  der  Mann  beim  Eintritt  in  das
bürgerliche  Leben  damit  anfangen?  Einige  sagten,  er  würde  hier  in  Berlin
Budiker  werden,  andere,  er  würde  sich  ein  kleines  Grundstück  kaufen.  Wenn
solche  Leute  vom  vierzehnten  Lebensjahre  an  in  der  Unteroffiziervorschule