VBeutsches Reich. (Februar 26.—März 3.) 185
gibt 45 Mill. für die Kirche aus, die er besser verwenden könnte. Ich gebe
zu, daß auch der Sozialismus und die Internationale zusammengebrochen
sind, aber nur infolge der Fahnenflucht eines Teils ihrer Führer. Das
Christentum hat nicht protestiert gegen die Bestialitäten des jetzigen Kriegs,
das hat nur der Papst getan. Der Redner, der eine über zweistündige
Schmährede abliest, kommt in heftigen Disput mit der Rechten.
Abg. Dr. v. Campe (Natl.): Wir haben jetzt ernstere Sachen zu besprechen,
als es in dieser Rede geschehen ist. Wer nur eine Ahnung von
Toleranz hat, wettert nicht so los gegen alles, was anderen heilig ist. Was
Menschentum ist, wird niemand in diesem Saal mißachten. Aber in diesem
Augenblick, wo jeder in sich über dem Menschtum den Deutschen entdeckt
hat, da sollte der Abg. Hoffmann nicht so sprechen. Ich bin in diesem
Augenblick, wo die Feinde gegen uns vorgehen, stolz darauf, nicht nur ein
Mensch, sondern ein Deutscher zu sein. Der größte Erzieher aller Zeiten
ist der Krieg, er ist aber an Ihnen, Abg. Hoffmann, spurlos vorübergegangen.
Ich stimme dem Abg. Kaufmann in der Beurteilung des Erlasses
des Ev. Oberkirchenrates zu, aber unser Rat hier erscheint klein gegenüber
den Geschehnissen da draußen an der Front und auf unseren Unterseebooten,
die das Vaterland schützen in blutiger Arbeit. Unsere Kärrnerarbeit
dient dem einen großen Ziel, dem unsere Krieger draußen nachstreben.
Wir müssen ein geistig und sittlich gesundes, starkes Geschlecht erziehen, denn
nur ein solches kann dem Ansturm unserer Feinde widerstehen. Unser Staat
und unser Volk haben die schwerste Probe bestanden und werden sie auch
weiterhin bestehen können. Wir haben vom Kriege gelernt, auch in unserer
Kultusverwaltung. Nach unserer Auffassung soll niemand seines Glaubens
wegen zurückgesetzt werden; wir wollen diesen Grundsatz bei der Besetzung
der Aemter gelten lassen. Dazu gehört die Entkonfessionalisierung der Aemter.
Ich freue mich der Aeußerungen des Abg. Kaufmann über den Erlaß des
Ev. Oberkirchenrats aus Anlaß der bevorstehenden Reformationsfeier noch
um so mehr, als auch von der anderen Seite ähnliche Gesinnungen bekundet
worden sind. Aber man wird es verstehen, wenn wir Evangelischen
an dieser Reformationsfeier nicht vorübergehen. Diese Feier soll nicht nur
in die Kirchen verlegt werden, sondern muß zu einer Volksfeier werden,
aber in einem Sinne, der für andere nicht verletzend sein kann.
Abg. Ramdohr (Freikons.): Dr. Kaufmann hat in würdiger und ruhiger
Weise von der 400jährigen Feier der Reformation gesprochen. Wir geben
die Versicherung, es wird nichts geschehen, was unsere katholischen Mitbürger
verletzen könnte. Vielleicht revidieren Sie auch einmal Ihr Urteil über
Luther, wie Sie es über Bismarck revidiert haben. Unsere Jugendpflege und
militärische Jugenderziehung hat große Erfolge gezeitigt. Aber Frankreich
verdankt seine Erstarkung auch seinen militärischen Jugend-Kompagnien.
Sogar 16- und 15jährige haben diesen Krieg mitgemacht und gut überstanden.
Der Redner verliest Feldbriefe darüber. Auch der Sparzwang für
die Jugendlichen hat sehr segensreich gewirkt. Wir bauen weiter auf dem
sesten Boden des Feldmarschalls v. d. Goltz und des Abg. v. Schenckendorff.
Abg. Haenisch (Soz.): Der früher von rechts so gern betonte Standpunkt,
daß nur ein guter Christ ein guter Soldat sein könne, kann heute
nicht mehr behauptet werden, nachdem auch die Nichtchristen im deutschen
Heere, Juden und Dissidenten, im Kriege ihre volle Pflicht getan haben.
Ihre Fernhaltung aus dem deutschen Offizierkorps läßt sich deshalb nicht
mehr aufrechterhalten. Ich erkenne gern an, daß etwas Wunderbares in
der ganz ungewöhnlich starken geistigen Bewegung liegt, die unter dem Einfluß
dieses Krieges überall in Deutschland zu spüren ist. Während von
allen Seiten her der furchtbarste Ansturm gegen die deutschen Grenzen