Full text: Handbuch der Politik. Zweiter Band. (2)

Josef Grunzel, Die Industrie. 389 
gelangt. Wäre ein solcher Vergleich möglich, so würde er wohl auch nicht zu ungunsten Deutsch- 
lands ausfallen. 
Die deutsche Eisenindustrie bekam durch die Bildung des deutschen Zollvereins und den 
Bau von Eisenbahnen eine starke Anregung, hatte aber gegen die englische Konkurrenz einen 
schweren Stand, zumal sie noch die kostspielige Holzkohle verwendete, während England bereits zur 
ausschliesslichen Steinkohlenfeuerung übergegangen war. Der im Jahre 1844 eingeführte Roheisen- 
zoll brachte den nötigen Schutz, unter welchem die Roheisenerzeugung des deutschen Zollgebiets 
von 143 Mill. im Jahre 1840 auf 1391 Mill. kg im Jahre 1870, also fast auf das Zehnfache anwuchs. 
Mit dem Zusammenbruch der Gründungsperiode und der Beseitigung der Eisenzölle im Jahre 1873 
geriet die Industrie in eine schwierige Lage, weil im Inlande der Bedarf abnahm und vom Auslande 
die Konkurrenz zunahm. Doppelt wie die Bedrängnis war aber auch die Hilfe. Der Zolltarif von 
1879 führte die Eisenzölle wieder ein und fast gleichzeitig verursachte das Thomas-Verfahren eine 
für Deutschland sehr vorteilhafte technische Umwälzung. Das ältere Bessemer-Verfahren gestattete 
nur die Verwendung phosphorarmer Erze, wie sie England in seinen berühmten Hämatit-Lagern an 
der Westküste besass. Nunmehr wurden die an Phosphor reicheren Minettelager in dem grossen 
Revier von Lothringen-Luxemburg verwendbar, welche denn auch gegenwärtig ungefähr ' vier 
Fünftel der gesamten 1 deutschen Förderung i in Eisenerzen liefern. Die Erzeugung von Thomas-Roh- 
eisen beträgt fast 70 % der Roheisen-Erzeugung Deutschlands. Letztere stieg von 2729 Mill. ky 
imJahre1872 auf 14 794 Mill. kg im Jahre 1910. Damit hat Deutschland bis auf die Vereinigten 
Staaten von Amerika, welche im Jahre 1910 sogar 27299 Mill. kg zu der Weltproduktion von 
65 608 Mill kg beitrugen, alle früher überlegenen Konkurrenten überflügelt, denn das in der Reihen- 
folge nächststehende Grossbritannien verzeichnet nur 10216 Mill. kg. Die durchschnittliche Jahres- 
leistung eines Hochofens betrug im Jahre 1872 nur 7500 Tonnen, im Jahre 1909 aber 45320 Tonnen; 
die neuen Hochöfen werden auf Jahresleistungen von 50- bis 70 000 Tonnen eingerichtet. Die 
Ausfuhr Deutschlands an Eisenwaren (ohne Maschinen} stellt sich jährlich auf 600 bis 700 Mill. 
Mark, höher als die irgend eines anderen Landes. 
Die deutsche Eisenindustrie gewährt uns auch einen interessanten Einblick in die Ursachen 
der örtlichen Verteilung einer Industrie überhaupt. Zuerst siedelte sich die Eisenindustrie an den 
Stätten lagernder Eisenerze an, gewöhnlich im waldreichen Gebirge, wo auch Holz zur Herstellung 
der Holzkohle und ein Gebirgsbach zum Betreiben des „Eisenhammers“ zu finden war. Sie war 
ähnlich wie die Glasindustrie fast ein forstwirtschaftliches Nebengewerbe und ging über den Rahmen 
eines nur wenige Personen beschäftigenden Handwerksbetriebes nicht hinaus. Als die grossen 
Waldverwüstungen in England den Übergang zur Steinkohlenfeuerung herbeiführten, übersiedelte 
die Industrie in die Kohlenreviere der Ebene, wo häufig auch günstigere Verkehrsgelegenheiten für 
den Bezug der Erze und den Absatz der fertigen Fabrikate vorhanden waren, „Das Erz geht zur 
Kohle‘, sagte ein hüttenmännischer Grundsatz. Wie in den Vereinigten Staaten von Amerika die 
Erze aus dem Gebiete der grossen Seen nach den Kohlenfeldern von Pennsylvanien gebracht wurden, 
so wurde in Deutschland das Kohlengebiet von Rheinland-Westfalen mit dem Erzbezug aus Luxem- 
burg-Lothringen zum Mittelpunkte der deutschen Eisenindustrie. Auch in Oberschlesien entwickelte 
sich auf Grund des reichen Kohlenvorkommens ein selbständiges Produktionsgebiet. Ganz in den 
Hintergrund trat dagegen die altberühmte Eisenindustrie des” Siegerlandes. In Deutschland ent- 
stand aber noch ein zweites grosses Zentrum, und zwar im lothri hen Erzrevier, 
welchem wieder die Kohle aus Rheinland-Westfalen und teilweise aus dem nahen Saar-Revier zu- 
geführt werden muss. Das letztgenannte Revier hat sogar durch das neue Elektroverfahren einen 
Vorsprung erlangt. Wir sehen hier also einen gegenseitigen Austausch der Rohmaterialien zwischen 
Kohlenrevier und Erzrevier über Entfernungen von rund 400 km. Fast jedes Buch über die Eisen- 
industrie enthält die Feststellung, dass kein Land der Erde für die Eisenindustrie so günstige na- 
türliche Vorbedingungen aufweist wie England, weil Kohle und Eisenerz beisammen liegen, und doch 
ist der Anteil Englands an der Weltproduktion i in Roheisen von 55,25 % im Jahre 1871 bis auf 16 °, 
im Jahre 1910 zurückgegangen. Heute entscheidet eben nicht das natürliche Vorkommen der Roh- 
stoffe über den Standort, sondern der nach der Frachtlage zur Verfügung stehende Markt. Im west- 
deutschen Industriegebiet haben die Eisenbahnen, der Rhein und der Dortmund-Ems-Kanal eine
	        
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