Conrad Haussmann, Der Linksliberallsmus. 95
3. Aufl. 1906. Die politischen Parteien, ebendort 3. Aufl. 1910. — Ludolf Parisius, Deutschlands poli-
tische Parteien und das Ministerium Bismarck, Perlin. Br — Leopold Freiherr von Hoverbeck. 2 Bände, Berlin I
sen II ı (1898) II 2 (1900. — Ma nPhi son, Friedrich III. als Kronprinz und Kaiser, Berlin
1893. Das Toben Kaiser Friedrichs III, 12. "Aufl. Wie'thden 1898. Max von Forckenbeck, Dresden und Leipzig
gs. ugenRichter, Jugenderinnerungen, Berlin 1893. Im alten Reichstag, 2 Bände, Berlin 1894
und 1896. Politisches ABC- Buch, 10 Jahrglnge, der letzte 1909. — Martin Wenck, Handbuch für liberale
Politik, Berlin-Schöneberg 1911. — Conrad Haussmann, Das Arbeitspropramm der Fortschrittlichen
Volkspartei 2. Aufl., Verlagsanstalt „Deutsche Presse“. Berlin 1911. — Leonhard Müller, Badische Landtags-
geschichte, 4 Bände. Berlin 1900/02. —K. Schmidt-Bu hl, Schwäbische Volksmänner, Vaihingena/Enz 1907. —
Der bedeutendste Historiker des Linksliberalismus ist Ludo’f Parisius. Eine fruchtbare Grundlage
bildet auch die Geschichte des Liberalismus von Oscar Klein Hettingen. Für eine genaue Kenntnis
der linksliberalen Politik im neuen deutschen Reich ist ein Studium der ABC-Bücher von Eugen Richter, die
ein umfassendes Material auf verhältnismässig knappem Raume verarbeitet haben, fast unerlässlich. Eine her-
vorragendste Zeitschrift des entschiedenen Liberalismus von dauerndem Wert ist die von Theodor Barth her-
ausgegebene Wochenschrift „Die Nation‘, 24 Jahrgänge, 1883—1907. Ferner sind zu nennen die „Hilfe“ von
Naumann-Berlin im Hilfe-Verlag in die erscheinende Sammlung „Patria“, Bücher für Kultur und Freiheit,
12. Band 1912 und der „März“, Wochenschrift früher Halbmonatschrift München 1907 ff. Eine Sammlung von
Heften „Vorkämp:er deutscher Freiheit‘‘ erscheint im Verlag des Nationalvereins München, 1910 f.
Zeitgeschichtliche Entwicklung.
Der Linksliberalismus, der heute in der Fortschrittlichen Volkspartei als
parlamentarische Fraktion und als Partei für ganz Deutschland einheitlich organisiert ist, war
während der ersten 40 Jahre nach Gründung des Reichs durch eine Mehrheit von Parteien mit ver-
schiedenen Organisationen und verschiedenen Programmen politisch vertreten. Er hat sich mit den
Parlamenten und in den Parlamenten entwickelt, die von derselben Sinnesrichtung geschaffen sind,
wie der demokratische Liberalismus selbst. Er hat in den Einzellandtagen Preussens, Badens,
Württembergs, Bayerns und anderer Länder sich nachdrücklich und zum Teil glänzend best ti
und auf das öffentliche Leben Deutschlands schon vor der Gründung des Reichs einen fühlbaren Ein-
fluss ausgeübt. Aber der Linksliberalismus ist eine für eine kurze Betrachtung erfassbare politische
Erscheinung und ein einheitlich wirkender Faktor in Deutschland doch erst seit der Existenz des
Reichsparlaments geworden. Seine Wiege ist die Paulskirche in Frankfurt. Nach Auflösung
des Frankfurter Parlaments flüchtete er in die Landtage, bis der Reichstag seine Wohnstätte
geworden ist. Seine Vorgeschichte liegt noch weit über 1848 zurück. Die Ideen des 18. Jahr-
hunderts, von den führenden Geistern Deutschlands zuerst literarisch aufgenommen und popu-
larisiert, passten sich zu Beginn des 19. Jahrhundcrts ruckweise den in Deutschlands geschicht-
lichen Verhältnissen wurzelnden Vorstellungen an. Die Proklamierung der „Menschenrechte“,
Stoffe und Strömungen der grossen Revolution in Frankreich waren in die Ideenwelt Deutsch-
lands übergesprungen und weckten die widerstreitendsten Stimmungen. Zuerst Wilhelm von
Humboldt und Freiherr von Stein suchten dasjenige herauszuholen, was man in Deutschland zur
Grundlage des staatlichen Baues planmässig und weitblickend benutzen konnte. Wilhelm von
Humboldt ist der erste grosse Vertreter des politischen Liberalismus als einer staatsumbildenden
cht. Die humane Idee vom Wert des Individuums und der Entfaltung seiner Kräfte war der
Ausgangspunkt einer von unten aufbauenden Staatsauffassung geworden. Weil staatlich ver-
wendbare Unterscheidungsmerkmale des individuellen Werts immer schwerer zu finden sind, so
musste diese Auffassung zu der Annahme eines Gleichwerts der Staatsbürger gelangen. Dies ist
der demokratische Grundgedanke, der zugleich von der christlichen Vorstellung der Brüderlich-
keit reichliche Geistesnahrung empfängt. Ebenso begreiflich war es, dass sich dieser neuen Lehre
alle die Widerstände entgegenstellten, die umgekehrt eine Konstruktion des Staats von obe n,
von einer absoluten Spitze herab zum Ausgangspunkt nahmen und in den dieser Auffassung ent-
sprechenden Vorstellungen, Gewohnheiten und Interessen geistig und materiell verankert waren.
Der Gang der geschichtlichen und nationalen Entwicklung, die ein straffes Zusammenfassen der
Kräfte nach den verderblichen Spaltungen Deutschlands vor allem in der napoleonischen Zeit
nötig machte, steigerte, kreuzte und hemmte die liberale und demokratische Entwicklung.
Darum ist sie ungleichartig und nicht gradlinig. Die Regierungen des 18. Jahrhunderts brachten
der Bewegung, die den Liberalismus erzeugte und ihn als den Träger einer neuen Organisierung
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