424 Julius Pierstorff, Handwerk und Kleingewerbe.
Kleinbetriebes Schranken gezogen. Sie sind Käuferorganisationen, welche durch beauftragte An-
gestellte die Funktionen der Krämerei für Rechnung der Mitglieder besorgen lassen ohne
Kaufzwang und gegen Barzahlung. Sie haben ihren Schwerpunkt im Bezug und Absatz von Nah-
rungsmitteln und Kolonialwaren des Massenverbrauchs, bei grösserem Geschäftsumfang oft auch
mit anschliessender Eigenproduktion z. B. von Brot, Mehl etc. In ihnen ist der Gegensatz der
Interessen zwischen Käufer und Verkäufer aufgehoben und eine rationelle Verkaufsorganisation
und höchste Betriebsökonomie ermöglicht. Der Zusammenschluss der Einzelvereine zu Grossein-
kaufsgenossenschaften bewirkt Ausschluss des Zwischenhandels en gros. Je grösser die Vereine
werden, desto mehr kommen ihnen die Vorteile des Grossbetriebes zu gute.
Schliesslich gehört auch das Versandgeschäft zu denjenigen Mitteln, welche den Klein-
handelsbetrieb auszuschalten bezwecken. Teils wird es von den Produzenten selbst betrieben,
teils ist es Grossmagazinen oder anderen Handelsgeschäften angegliedert, bisweilen auch selb-
ständig organisiert. Doch hat es nur auf einigen wenigen Zweigen grössere Verbreitung. Es ist
eine unvermeidliche Folge des modernen Verkehrs, der überall die Schranken der Lokalmärkte
durchbricht.
Trotz all dieser Wandlungsprozesse bleibt dem lokalen Mittel- und Kleinbetriebe ein weites
Feld der Betätigung. In der Nahrungsmittelversorgung ist ihm sogar in neuerer Zeit durch die
moderne Städteentwicklung ein neues und reiches Gebiet erschlossen worden. Durch seine weite
Verzweigung, sowie durch die Möglichkeit individualisierender Kundenbedienung bietet er Vorteile
mannigfacher Art, die seine völlige Verdrängung ausschliessen. Andererseits leidet er vielfach unter
irrationeller Verteilung der Geschäfte unökonomischen Betriebsgrössen und Branchenüberfüllung,
doch liegen in dieser Beziehung die Verhältnisse verschieden je nach Gegenden und Geschäfts-
zweigen. Überfüllung, noch dazu unter Hinzudrängen ungeeigneter Elemente, zeigt sich nament-
lich in solchen Zweigen, die auch mit wenig Kapital und geringer Fachkenntnis betrieben werden
können. Da freier Wettbewerb das Lebenselement des seiner Natur nach beweglichen Handels
bleibt und bleiben muss, ist solchen Übelständen schwer zu steuern. Auch über die Berechtigung
und Zweckmässigkeit der verschiedenen Handelsbetriebsformen kann in letzter Linie keine Theorie,
sondern nur der im Wege der freien Konkurrenz erzielte Erfolg entscheiden, wenn nur der un-
lautere \ettbewerb nach praktischer Möglichkeit ausgeschaltet wird. Im übrigen sind allgemeinere
Aneignung mancher im Grossbetrieb durchgeführten Geschäftsbräuche, wie Ausschluss oder wenig-
stens Beschränkung des Kundenkredits und Förderung der Barzahlung, richtiges Kalkulieren,
grössere Kulanz, besseres Studium der Kundschafts-Bedürfnisse und gründliche Beurteilung der
geschäftlichen Erfolgsbedingungen, wie überhaupt bessere kaufmännische Schulung, geeignete
Mittel, die kleineren Betriebe im Kampf mit den grösseren lebensfähig zu erhalten. Von genossen-
schaftlichem Zusammenschluss, etwa behufs gemeinsamen Einkaufs, ist auf kaufmännischem Gebiet
wenig zu erwarten, noch weniger von Sonderbesteuerung von Warenhäusern und Konsumvereinen,
ganz abgesehen von der Ungerechtigkeit einer derartigen Bekämpfung legitimer Geschäftsbetriebe,
in denen sich zumeist eine fortschreitende ökonomische Entwicklung verkörpert.
Auch auf anderen Gebieten als auf dem des Gewerbes und Handels ist der mittelständische
Betrieb in seiner Ausbreitung gehemmt oder in seiner Selbständigkeit und Unabhängigkeit auf
verschiedene Art beeinträchtigt worden im Zusammenhang mit der tiefgreifenden Umwälzung
der ganzen Volkswirtschaft in der neueren Zeit. So hat beispielsweise die zunehmende Konzen-
trierung der Bierproduktion das Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe in wachsende Abhängig-
keit von den Brauereien gebracht, soweit diese nicht gar selbst den Ausschank ausserhalb der
Produktionsstätte zu organisieren übernahmen. In der Seeschiffahrt wie in der Binnenschiffshrt
traten die Gross- und Gesellschaftsreedereien mehr und mehr in den Vordergrund, ebenso in der
Beefischerei die Fischereigesellschaften. Die selbständigen Privatbankiers wurden in wachsendem
Masse verdrängt infolge der notwendigen Konzentration des Bankbetriebes. Der tiefere Grund all
dieser Erscheinungen aber ist meistens der, dass der Rahmen des mittelständischen Betriebes zu eng
wurde für die wachsende Grösse der zu lösenden Aufgaben und der dazu erforderlichen Mittel.
. Nach allem Ausgeführten ist das, wae in dem Ausdruck Mittelstand zusammengefasst wird,
kein innerlich einheitliches Wirtschaftsgebilde mit einheitlichen Interessen, vielmehr sind die