Eduard Bernstein, Der Revisionismus in der Sozialdemokratie. 57
verabschieden und um so konsequenter auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet Reformarbeit
betreiben. Das Buch rief leidenschaftlichen Widerspruch hervor, und der sozialdemokratische
Parteitag von 1899 (Hannover) beschloss nach mehrtägigen Debatten eine Resolution, in der er-
klärt wurde, dass für die Sozialdemokratie keine Ursache vorliege von ihren Grundanschauungen
abzugehen. Aber in der Debatte hatten eine namhafte Anzahl von Rednern sich mehr oder weniger
zu ähnlichen Anschauungen bekannt, wie der Verfasser jenes Buches, und die Strömung behielt
Bestand. In Anknüpfung an eine Schrift von Dr. Alfred Nossig „Revision des Sozialismus“,
die 1901 herauskam, ward ihr schliesslich die Bezeichnung ‚„Revisionismus“ beigelegt, obwohl die
Schrift selbst vonden meisten, die man nach ihr nannte, ziemlich schroffabgelehnt worden war. Nossig
kehrte der Sozialdemokratie den Rücken, aber die Bezeichnung selbst blieb und erhielt schliesslich
auch bei denen Kurs, die erst damit getroffen werden sollten. Der Revisionismus bezieht sich also
sowohl auf die Theorie wie auf die Praxis des Sozialismus. In ersterer Hinsicht bedeutet er die
Nachprüfung und entsprechende Neuformulierung der Theorie an der Hand der Erfahrung und
erweiterten Erkenntnis. Da aber diese Theorie selbst Entwicklungstheorie ist und ihre Schöpfer
das dogmatische Denken und die Proklamierung von letzten \ahrheiten verwarfen, heisst die
Revision hier fast nur Ablehnung von bestimmten Auslegungen der Theorie und von Folgerungen,
die zu verschiedenen Zeiten aus ihr gezogen wurden. DieGegenüberstellung Marxis
mus—Revjisionismushatinsofern keineRealität. Sieerhältsieerstdadurch,
dass man Sätze von sekundärer Bedeutung und gewisse Anwendungen der Marx’schen Theorie für
integrierende Teile dieser erklärt und danach die Scheidung vornimmt. Die Fundamentalsätze der
Marx’schen Gesellschaftstheorie werden auch von den Revisionisten anerkannt. Soweit die Theorie
in Betracht kommt, wäre es also richtiger von einem Revisionismus im Marxismus
als von einem antimarxistischen Revisionismus zu sprechen.
In der Praxis heisst der Revisionismus grundsätzliche Betonung der Reformarbeit
in Politik und Wirtschaft. Es wird das zuweilen mit „Opportunismus‘ gleichgesetzt. Aber in der
Politik knüpft sich an den Begriff des Opportunismus die Vorstellung der Preisgabe wichtiger Grund-
sätze, von Erfolgshascherei und schwächlicher Rechnungsträgerei, und deshalb muss die Gleich-
setzung abgelehnt werden. Es ist auch eine konsequente Reformarbeit ohne das möglich. Aus ähn-
lichem Grunde ist das, auch sprachlich unschöne Wort „Possibilismus‘ abzulehnen. Viele revisio-
nistischeSozialdemokraten haben dagegen die Bezeichnung alsReformisten für sich akzeptiert.
In der Betonung der Reform liegt das Wesen der Praxis des sozialdemokratischen Revi-
ionismus. Da nun auch die in der Sozialdemokratie vorherrschende Richtung für Reformen kämpft,
das geltende Programm der Partei Reformen aller Art fordert und Parteitagsbeschlüsse das Reform-
programm sehr erweitert haben, ist auch hier der Unterschied nur einer des Grades der Akzen-
tuierung. Massgebend für die stärkere oder schwächere Betonung ist aber nicht die Rücksicht auf
Mächte des Tages, sondern die Auffassung vom allgemeinen Gang der gesellschaftlichen Entwicklung.
Wo keine solche theoretische Grundlage das Handeln normativ bestimmt, fehlt ein für den Revi-
sionismus wesentliches Moment. Aber auch ohne sie können Parteien oder Parteifraktionen durch
die Sprache der Tatsachen zu Änderungen ihrer Politik veranlasst werden, die jener Auffassung
entsprechen. Ein Beispiel dafür liefern die Budgetbewilligungen durch sozialdemokratische Frak-
tionen in süddeutschen Landtagen. Grundsätzlich kann die Frage der Abstimmung über Budgets
nur unter Bezugnahme auf die Theorie der politisch-sozialen Entwicklung entschieden werden, und
es liegt auf der Hand, dass die wesentlich evolutionistische Auffassung von der Stellung der Sozial-
demokratie im modernen Staatsleben dahin führt, unter bestimmten Voraussetzungen auch im
nichtsozialdemokratischen Staat Budgets zu bewilligen. Da in Süddeutschland jene Voraussetzungen
ziemlich gegeben waren, liess jedoch schon einfaches politisches Nachdenken die Budgetbewilligung
als angezeigt erscheinen.
Auf drei Kongressen — Lübeck 1901, Nürnberg 1908 und Magdeburg 1910 — hat sich die
Mehrheit der deutschen Sozialdemokratie scharf gegen die Budgetbewilligungen ausgesprochen,
und nachdem schon auf einem andern Kongress — Dresden 1903 — die revisionistischen Ten-
denzen, definiert als „Entgegenkommen an die bestehende Ordnung der Dinge“, heftige Verur-
teilung erfahren hatten, ward auch den Resolutionen von Nürnberg und Magdeburg eine ent-