Full text : Wilhelm Heinzes Quellen-Lesebuch zur vaterländischen Geschichte für Lehrerbildungsanstalten und höhere Schulen. Zweiter Teil. Deutsche, vornehmlich brandenburgisch-preußische Geschichte bis 1815. (2)

J.

Zur  Vorgeschichte  der  Mark  Brandenburg
bis  zur  Besitznahme  durch  die  Hohenzollern.

1.

Über  die  Sitten  der  Slawen.

Quelle:  Helmold,  Chronik  der  Slawen  (Lateinisch)u).  I,  52.

lbersetzung:  B.  Schmeidler,  Helmolds  Chronik  der  Slawen.  3.  Aufl.  Leipzig  1910.  (Geschichtschreiber  der
deutschen  Vorzeit.  Band  56.)  S.  121—123.

Außer  den  heiligen  Hainen  und  Hausgöttern,  an  denen  Fluren  und  Dörfer
Überfluß  hatten,  waren  die  ersten  und  vorzüglichsten  unter  den  Göttern  Prove,
der  Gott  des  Oldenburger  Landes,  Siwa,  die  Göttin  der  Polaben,  und  Radigast,
der  Gott  des  Obotritenlandes.  Diesen  waren  Priester  geweiht  und  wurden  besondere
  Opfer  dargebracht,  und  man  verehrte  sie  auf  mancherlei  Weise.  Die  Feste
nämlich,  die  zu  Ehren  der  Götter  zu  feiern  sind,  sagt  der  Priester  nach  dem  Ausfall
  des  Loses  an,  und  dann  kommen  Männer,  Frauen  und  Kinder  zusammen
und  bringen  ihren  Götzen  Opfer  dar,  bestehend  in  Rindern  und  Schafen;  ja  sehr
viele  opfern  auch  Menschen,  Christen  nämlich,  weil  sie  erklären,  am  Blute  derselben
  hätten  die  Götter  Wohlgefallen.  Nachdem  das  Opfertier  getötet  ist,  kostet
der  Priester  von  dem  Blute  desselben,  um  sich  zum  Empfange  göttlicher  Weisung
mehr  zu  befähigen.  Denn  daß  die  dämonischen  Wesen  durch  Blut  leichter  anzulocken
  sind,  ist  die  Meinung  vieler.  Wenn  dann  das  Opfer  dem  Brauche  gemäß
  vollzogen  ist,  wendet  sich  das  Volk  zu  Schmaus  und  Freude.  Die  Slawen
haben  aber  einen  sonderbaren  abergläubischen  Gebrauch;  bei  ihren  Schmäusen  und
Zechgelagen  lassen  sie  nämlich  eine  Schale  herumgehen,  auf  welche  sie  im  Namen
der  Götter,  nämlich  des  guten  und  des  bösen,  Worte,  nicht  der  Weihe,  sondern
vielmehr  der  Entweihung  ausschütten.  Sie  glauben  nämlich,  alles  Glück  werde
von  einem  guten,  alles  Unglück  von  einem  bösen  Gotte  gelenkt.  Daher  nennen
sie  auch  den  bösen  Gott  in  ihrer  Sprache  Diabol  oder  Zcerneboch,  d.  h.  den
schwarzen  Gott.  Unter  den  vielgestaltigen  Gottheiten  der  Slawen  ist  vor  allen
Zvantevith  zu  erwähnen,  der  Gott  des  Landes  der  Rugianer,  der  nämlich  in
Orakelsprüchen  am  wirksamsten  sein  soll;  im  Vergleich  zu  ihm  betrachten  sie  die
anderen  Gottheiten  nur  als  Halbgötter.  Daher  pflegten  sie  ihm  wie  zur  besonderen
Ehre  alle  Jahre  einen  Christen,  auf  den  das  Los  fällt,  zu  opfern.  Dahin  übersandten
  sie  sogar  aus  allen  slawischen  Ländern  bestimmte  Summen  zu  den  Kosten
der  Opfer.  Den  Dienst  am  Heiligtum  aber  versehen  sie  mit  außerordentlicher
Ehrfurcht  und  Sorgfalt;  denn  weder  leisten  sie  leichthin  einen  Eid,  noch  dulden  sie,

1)  Über  Helmold  vgl.  Teil  I.  S.  94.  Anm.  1.
W.  u.  O.  Heinze-Kinghorst,  Quellenlesebuch.  L.  1