164 Die neuen Erwerbungen und der Zoiährige Krieg.
– — — — — — — —— — —— —
Verständigeren doch immer wieder dazu, diese Wendung als die einzige Rettung
der Selbständigkeit des Landes zu begrüßen. Der Ubertritt Johann Sigis-
munds zum reformierten Bekenntnis hat allerdings auch hier abschreckend ge-
wirkt. Die Engherzigkeit der lutherischen Orthodoxic ging hier so weit, daß den
Reformierten die Duldung oder wenigstens die Zulassung zu den Ämtern ver-
sagt wurde; in einem Streit, der darüber mit der Landesherrschaft entstand,
entschied die Krone Polen wie gewöhnlich zugunsten der ständisch-lutherischen
Partei: ein Amtshauptmann aus der reformierten Dohnaschen Familie wurde
abgesetzt, und dieses vornehme Herrengeschlecht, das sich mit besonderem Eifer
in den Dienst des brandenburgischen Kurfürsten gestellt hatte, blieb um der
Religion willen und auch wohl wegen dieser seiner politischen Stellungnahme
von allem Einfluß auf die Landesverwaltung ausgeschlossen.
Durch alle diese Umstände war die Landesherrschaft in Preußen zu einer
so ohnmächtigen Stellung herabgedrückt worden, daß die Nachfolge des branden-
burgischen Hanses der Krone Polen keinen Grund mehr zu Besorgnissen geben
konnte. Aber auch, wenn die Absicht bestanden hätte, diese Nachfolge zu ver-
hindern, so hätte jeder Versuch dazu doch damals 1618 unterbleiben müssen an-
gesichts der schwedischen Truppenmacht in Livland, die zweifellos zugunsten
der brandenburgischen Sache in Preußen eingesetzt worden wäre. So ist das
Verhältnis zu Schweden auch ohne förmliches Bundnis der Durchsetzung des
brandenburgischen Erbauspruches in Preußen damals zugute gekommen.
Die Tage Johann Sigismunds waren gez öähl!. Sein Zustand ver-
schlimmerte sich und zwang ihn schon am 3. November 1619, die Regierung auf
seinen Sohn Georg Wilhelm zu übertragen. Zwei Monate darauf ist er, am
2. Jannar 1620, 47 Jahrc alt, in dem Hause seines Kammerdieners, Anton
Freitag, in der Poststraße zu Verlin gestorben.
Seine Regierung ist eine der bedentsamsten in der Geschichte des hohen-
zollernschen Hanses. Wenn ihm, dem frühzeitig durch Krankheit zerrütteten
Manne, auch die Kraft gefehlt hat, bei diesem ersten Anlauf zu einer selbständigen
Machtpolitik einen Erfolg zu erringen, der die Nachfolger hätte ermutigen können,
so hat er ihnen doch den Weg gezeigt und mit dem reformierten Bekenntnis
seinem Hause einen Talisman zugeeignet, dessen moralisch-politische Kraft in
späteren Generationen wirksam werden konnte. Und die Tatsache bleibt bestehen,
daß unter ihm die Erwerbung der niederrheinisch-westfälischen Erbschaft, wenn
auch nur zur Hälfte, und die von Ostpreußen, wenn auch unter starker Schmä—
lerung der landesherrlichen Macht, gelungen ist. Damit hatte das Haus Branden-
burg aufgehört, eine lediglich ostdentsche Macht zu sein. Seine Interessen reichten
nun von der polnischen bis zur niederländischen Grenze; es war hineingezogen
in die großen curopäischen Kämpfe, bei denen im Westen Spanier, Niederländer
und Franzosen, im Osten namentlich Schweden und Polen einander gegenüber-
standen. Es war eine ungehener schwierige Aufgabe, vor die das Haus Branden-
burg damit gestellt war, da es sich zunächst nur auf die unzulänglichen Macht-
mittel angewiesen sah, die ihm die Kurmark darbot. Der alte enge Horizont
des territorialen Kleinfürstentums mußte erweitert werden; und wenigstens in
einem Punkte hat Johann Sigismund den Bann der alten beschränkten landes-
fürstlichen Anschanungen durchbrochen: zugleich mit seinem Ubertritt zum refor-
mierten Bekenntnis verkündete er den bedeutsamen Grungsatz, daß er auf sein,