Das deutsche militärische System,
verglichen mit dem französischen, englischen und russischen.
Von Prof. Dr. Hans Delbrück in Berlin.
Oie preußische Armce, die den Grundstock des dentschen Reichsheeres
bildet, geht zurück auf den Wiederaufbau der alten preußischen Armec,
die im Fahre 1806, von Aapoleon zerschmettert, zugrunde gegangen war.
Um Preußen vom französischen Joche zu befreien, faßte der General
Scharnhorst den Gedanken, die gesamte kriegsfähige Bevölkerung unter
die Waffen zu rufen, und dieser Gedanke ist dann auch im Jahre 1813
durchgeführt worden. Aur durch dicse ungeheuere Kraftanstrengung
Preußens im Bundc mit allen anderen Mlächten konnte die drohende
Universalherrschaft Aapolcons gebrochen werden. Aapolcons Macht war
bereits so groß, daß seine mittelbaren und unmittelbaren Untertanen auf
mehr als 70 Millionen zu berechnen sind; seine Gegner, alle zusammen
genommen hatten kaum mehr als ebensoviel. Keiner war deshalb zu ent-
behren, den Sieg zu erfechten, weder England noch Rußland, noch Öster-
reich, und Preußen, das noch nicht 5 Millionen Einwohner zählte, mußte
die allgemeine Wehrpflicht einführen und durchsetzen. Oie allgemeine
Wehrpflicht bewährte sich in den Freihcitskriegen so glänzend, daß sie
auch im Frieden beibehalten wurde, obgleich sic nicht nur eine schwere
Last für das preußische Volk bildete, sondern auch in ihrer Durchführung
große Schwierigkeiten bot.
Dic stehende Armee hatte noch große Ahnlichkeit mit den Armeen des
18. Jahrhunderts, so wie sie die englische Armec heute noch hat. Ein
erheblicher Teil der Soldaten diente 20 Jahre lang und länger. In-
folgedcssen war in dieser Armee wenig Nanm für die Nekrnten, die
die allgemeine Wehrpflicht lieferte, um so weniger, als man auch diese
Mannschaften volle drei Jahre bei den Fahnen behielt. Man überwies
die große Massc der Nekruten, sehr oberflächlich oder gar nicht aus-
gebildet, der Landwehr. Diese altere preußische Landwehr hatte also
einc große Ahnlichkeit mit der englischen Miliz, und ihre militärische
Brauchbarkeit war nur gering. Erst ganz allmählich im Laufe des
19. Jahrhunderts ist der Abelstand überwunden worden. Einerseits ver-
schwanden mit der Zeit die lang gedienten Soldaten, weil die günstige
Entwicklung des Wirtschaftslebens und der Industrie einen viel bes-