Full text: Deutschland und der Weltkrieg.

  
Deutschland und das Weltstaatensystem 17 
  
Sprache und Kultur durchaus zu uns gehören und deren Sympathien 
dic politischen Bandc verstärken, dic uns mit der österreichisch-ungari- 
schen Monarchic verbinden. 
Den Gegenstand ciner irredentistischen Politik haben aber diese ver- 
wandten Bevölkerungsclemecnte im Ausland niemals gebildcet; politische 
Bücksichten und teilweise auch die ausgesprochene Abneigung der ab- 
gesprengten Stücke deutschen Volkstums an unseren Grenzen haben 
jeden darauf gerichteten Plan aus dem Bercich ciner ernsthaften und 
verantwortlichen Politik immer ausgeschlossen. Natürlich haben wir 
sympathische Gefühle für unsere Volksgenossen im Ausland, nament- 
lich auch für die, welche zerstreut zwischen fremden Bevölkerungen sitzen 
und in Gefahr sind, ihrcs Volkstums verlustig zu gehen. Wir suchen 
ihnen zu helfen, sich deutsche Sprachec, Sitte und Schulbildung zu er- 
halten. Diesen ganz unpolitischen Kulturzweck verfolgt seit vielen Jah- 
ren der Verein für das ODeutschtum im Auslande, der von dem Haupt- 
gebict seiner Tätigkeit früher den Mamen des „Deutschen Schulvereins“ 
führte. Aatürlich hat einc solche nationale Kulturpflege auch günstige 
Folgen für das Ansehen und für die Auslandsinteressen des deutschen 
Volkes; namentlich die Handelsbeziehungen können dadurch günstig 
bceinflußt werden; denn der Handel folgt nicht nur der Flaggc, sondern 
auch der Sprache. Wenn über diese unpolitische Linic gelegentlich von 
völkischen Schwärmern und Heißspornen hinausgegangen worden ist, 
so hat das nicht bloß immer aus den Kreisen der verantwortlichen Re- 
gierung entschiedene Zurückweisung erfahren, sondern auch die große 
Mehrheit der politischen Führer unserer öffentlichen Meinung will mit 
derartigen Plänen nichts zu schaffen haben. 
Auf der andern Seite ist es im Lauf der Geschichte unvermeidlich 
gewesen, auch einige Grenzgebiete mit fremdem Volkstum unserem 
Staatskörper anzugliedern: in Mordschleswig, Elsaß-Lothringen und vor 
allem in Posen und Oberschlesien. Das sind zusammen aber etwa nur 
70½% unserer Gesamtbevölkerung, die bei der letzten Zählung (1910) gegen 
65 Millionen betrug und heute auf nahe zu 70 Millionen angewachsen 
sein wird; der nationale Charakter des ODeutschen Reiches wird also da- 
durch nicht wesentlich beeinträchtigt. Eine reinliche Scheidung der Na— 
tionalitäten an den Grenzen läßt sich überhaupt nicht durchführen, weil 
deutsches und fremdes Volkstum vielfach im Gemenge liegt; und die 
politische Aotwendigkeit für die Einschließung der fremden Bestandtceile 
entspringt aus dem Bedürfnis nach ciner, wenn nicht günstigen, so doch 
militärisch haltbaren Grenze. In Elsaß-Lothringen, wo ctwa 200,000 
Einwohner Französisch sprechen, verquickt sich die Mationalitätsfrage mit 
Deutschland und der Weltkrieg 2