Einberufung der Reserven und Landwehrmänner; ferner eine im voraus bis ins einzelne geordneie Mebilmachung und die
Regelung des sirategischen Aufmarsches der Armee durch festgestellte Webersichten. Dach der Errichtung des Deutschen
Reiches wurde die Organisation der deutschen Armee endgültig festgesetzt, und zwar auf der Arundlage, dass die Bundesfürsten
zu Gunsien des Kaisers einer Anzahl von Militärhoheitsrechten entsagten; dass der Etat des Reichsheeres einheitlich
geregelt wurde, dass Einteilung, Bewallnung und Fechtweise und die anderen Beereseinrichlungen aleicharlig sein mussten.
Nur Bayern behielt die volle Militärhoheit im Frieden, muss aber auch seine Einrichtungen denen der übrigen deutschen
Cruppen anpassen, und die bayrische Armee steht im Kriege unter dem unumschränkten Befehl des Kaisers. Eine Anzahl
Militärkonventionen ermöglicht den engeren Anschluss der meisten deutschen Kontingente an die preussische Armee.
Die ausgedehnten Verstärkungen des Iranzösischen Heeres, welche auf einen Vergeltungskrieg abzielten, sowie die gleichzeitigen
Rüstungen Russlands nötigten uns seit 1874, die Armee zu wiederholten Malen zu verstärken und die Organisation in
gewisser Grade zu ändern, auch die Gesamtdienstzeit von 19 Jahren wiederherzustellen. Die wichtigste Veränderung
ist die von 1895, in welchem Jahre die zweijährige aktive Dienstzeit — welche übrigens schon von 1833 bis 1852
bestanden batte — bei allen Fusstruppen, vorläufig auf 5 Jahre, eingeführt wurde, womit zugleich eine so bedeutende
Vergrösserung der Hushebung verbunden war, dass Deutschland nunmehr ein seiner Einwohnerzahl angenessenes Beer aufzusiellen
vermag, werm auch immer noch eine bedeutende Anzahl Wehrtüchtiger nicht eingestellt werden kann.
Die Veränderungen der Taklik und Technik hängen eng zusammen, und können bier ebenfalls nur die allerwesentlichsten
angeführt werden. Noch kein Jahrhundert bat so grosse Fortschritte in der Waffentechnik geseben, wie das jetzige. Uon
dem glatten Vorderlader mit Feuerschloss bis zu dem Magazin und Repeliergewehr der Gegenwart in der Zeil von
1840 bis 1890 Tliegl eine Enftwickelung, wie man sie nicht reichhalliger in der Heeresgeschichte finden kann. Und
wieder gebiührl Preussen der Ruhm, das bewegende Prinzip, die Einführung der Binterlader, und zwar der &ewehre
wie der Geschülze, zuerst als wichtig erkanni und ins Werk gesetzt zu haben. In der langen Triedenszeit nach 1815 erhielt
Preussen die Kriegstüchtigkeil seines Beeres durch die Feldmanöver mit Gegenseitigkeit und freiem Entschluss der Führer,
im Gegensatz zu den schemalischen Manövern des Lagers von Zhälons. Won besonderer Wichtigkeit war die Einführung
der Kompagniekolonnentaklik und eines ausgedehnieren Gebrauchs der zerstreuten Fechtart bei der Infanterie, wodurch die
Selbständigkeit der Unterführer und auch der Mannschaft ungemein gefördert wurde. Die Kavallerie wurde zum Aufklärungsdienst
und zum Gebrauch auf dem Gefechtsfelde, abgesehen von einzelnen Zeiten der Stagnation, aleichmässig gut erzogen,
was sich insbesondere 1570.71 bewährte. Die Taktik der Artillerie — 1866 mangelhait -— feierte 1870,71 die grössten
Criumpbe. Die fortwährende Verbesserung der Feuerwalien hate nun nach 1871 eine allmähliche Reform der Fechtweise,
vorzüglich der Infanterielaktik, zur Folge, deren hauptkampfform der Schüizenschwarm geworden isi. Die selbständige
Organisation des Grossen Generalstabes, wie sie jetzt fasi überall besteht, verlieb Preussen und Deutschland in den Einigungskriegen
ebenfalls durch die sachgemässe Bearbeilung der Befehle und Direkfiven, sowie durch die mündliche Chätigkeit der
Keneralstabsofliziere in der Erläuterung der Absichten der höchsten Führer, ein grosses Lebergewicht.
hervorzuheben ist auch noch, dass die sich in der Militärlitieratur zeigende geistige Bewegung, sowohl nach 1815 als auch nadı
den leizien Kriegen, allen Reformen den Impuls gab und ihnen wirksam vorarbeitete. In der Periode nach den Freiheitskriegen
ist vor alleın Elausewitz, dessen Werk „Vom Kriege‘ für die Auffassung des grossen Krieges massgebend wurde, zu nennen. —
Die Männer, denen es vergönnt war, in praktischer Chätigkeit an der Spitze der Entwickelung des preussischen und sodann des
deutschen heeres zu stehen, waren in erster Linie der Kaiser Wilhelm I. selbst, der schon als Prinz von Preussen sich die grössten
Verdienste erwarb, sodann Prinz Friedrich Karl, die Generale von Moltke und von Roon. Als Führer selbständiger Armeen müssen
vor allem der damalige Kronprinz von Preussen, Prinz Friedrich Karl, der Kronprinz von Sachsen, Goeben, Manteuffel und Werder
genanni werden. Durch die immer mehr anwachsende Grösse der Feere, welche eine Folge der möglichst durchgeführten allgemeinen
Wehrpflicht war, sind die Schwierigkeiten der Leitung vermehrt, anderseits durd, die Eisenbahnen Versammlung und
Nachschub, durch den Celegraphen die Verbindung erleichtert. Die Benutzung technischer Mittel, eingeschlossen Luftballon und
Rad, ist durch besondere Cruppenabteilungen teils zu grosser Vollkommenheit gediehen, teils in der Entwicelung beariffen.
Angesichts der nie versiegenden Pilichttreue des Offizier- und Unteroffizierkorps, welches die Lasien der vermehrten Dienstzweige,
insbesondere des Schiessdienstes, mit Ausdauer trägt, eines vorzüglich organisierten Generalstabes und vorausschauender
Verwaltung kann Deutschland sich sagen, dass es alles gethan hat, für seine Ehre und Sicherheit erforderlichenialls einzusteben.
Die deutsche Armee zählt augenblicklich 624 Bataillone Infanterie und Jäger; 465 Eskadrons Kavallerie; 494 Batterien Feldartillerie,
darunter 47 reitende; 37 Bataillone Fussartillerie; 23 Bataillone Pioniere; 7 Bataillone Eisenbahntruppen; 21 Bataillone Crain.
Die Aufstellung der Reservetruppen, der Landwehr und des Landsturms, wie sie sich in der Mobilmachumg vollzieht, wird
bier nicht berührt. Dach dem Gesetz vom 25. März 1899 sollen bis zum Schluss des Rechmungsjahres 1903 die Kadres derarl
vermehrt werden, dass die stehende Armee aus: 625 Bataillonen Infanterie, 482 Eskadrons, 574 Feldbaiterien, 38 Bataillonen
Fussarfillerie, 26 Bataillonen Pioniere, 11 Bataillonen UVerkehrstruppen, 23 Bataillonen Crain bestehen wird. Die Friedensstärke
wird 1903 die Zahl von 495500 Gemeinen ohne Einjährig-Freiwillige erreichen. Die Vorschriften des Gesetzes vom
3. August 1593 über die aklive Dienstzeit sollen bis zum 31. März 1904 in Kraft bleiben. Mit der Erwerbung von Kolonien
war die Errichtung von „Schutziruppen“ verbunden. Dieselben stehen direkt unter dem Kaiser. — Die Cruppen in Ostafrika
(ein Stab und 12 Kompagnien) und die von Kamerun (3 Detachemenis} bestehen aus Farbigen. Die Deutschen besetzen die
Offizierstellen bis zum Kompagnieführer herab sämtlich. Von den Leutnants kann bei jeder Kompagnie ein Farbiger sein. Die
Cruppe für Süldwestafrika (Stab, 4 Kompagnien, | Batterie) besteht durchgängig aus Weissen. v. Boguslawski, Generalleutnant z. D.
Slaalsııssen 15