Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

388  Die  Näuische  Aurie.  (Januar  Ende—Februar  15.)

wird  bekannt,  wonach  Leo  XIII.  von  dem  Tage  seines  Priesterjubiläums
  ab  die  päpstliche  Fahne  nach  der  Gepflogenheit  weltlicher
Herrscher  auf  dem  Vatikan  hissen  lassen  soll,  solange  er  in  dem.
selben  anwesend  ist.

Ende  Januar.  (Preßverbot.)  Der  Papyst  untersagt  den
Redakteuren  der  klerikalen  Blätter  ohne  Genehmigung  des  Staatssekretariats
  Handlungen  des  heiligen  Stuhles  zu  veröffentlichen,  weil
dadurch  die  schwebenden  Verhandlungen  mit  Frankreich  über
China,  mit  Deutschland  betr.  der  Kirchenvorlage  und  mit  England
wegen  der  Vertretung  des  Vatikans  in  London  gestört  werden  könnten.

10.—12.  Februar.  Die  päpstliche  Presse  und  die  Stellungnahme

  des  Papstes  in  der  deutschen  Heeresfrage.

Der  „Moniteur  de  Rome  feiert  das  pöäpstliche  Eingreifen  durch
Jacobinis  Depesche  als  eine  erlösende  That,  die  den  Befürchtungen  Europas
ein  Ende  gemacht,  den  Frieden  gesichert  habe.  Eine  Desavouierung  des
Zentrums  solle  die  Depesche  nicht  enthalten.  Die  Verdächtigung  italienischer
ministerieller  Blätter,  daß  der  Papst  die  Einmischung  fremder  Waffen  anrufe,
  sei  eine  schreiende  Ungerechtigkeit,  da  mehrere  friedliche  Lösungen  der
römischen  Frage  auf  völkerrechtlich-diplomatischem  Wege  gegeben  seien.  Auch
der  „Osservatore  Romano“"  bestreitet,  daß  die  Note  das  Zentrum  und
die  deutschen  Katholiken  verletze  und  bewaffnete  Hilfe  des  Auslandes  herbeiziehen
  wolle.  Habe  doch  der  Papst  in  den  neun  Jahren  seiner  Regierung
stets  das  sehr  natürliche  Verlangen  nach  Besserung  seiner  Lage  in  legitimster
und  würdigster  Weise  bekundet,  ohne  nach  Krieg  und  fremder  Waffenhilfe  zu
verlangen.  Auch  von  einer  unfreundlichen  Kundgebung  gegen  Frankreich
könne  keine  Rede  sein,  da  gerade  in  Paris  lebhafte  Befriedigung  über  den
päpstlichen  Schritt  geäußert  werde.

In  einem  weiteren  Artikel  widerlegt  der  „Osservatore  Romano“"
die  Ansicht,  daß  der  Papst  durch  das  Jakobinische  Schreiben  in  die  Entscheidungsfreiheit
  des  Zentrums  in  weltlichen  Fragen  eingegriffen  habe,  durch
den  Hinweis,  daß  das  Zentrum  nicht  vergewaltigt,  sondern  in  zarter  Weise
berücksichtigt  worden  sei,  der  Papst  habe  nur  den  Wunsch  geäußert  und  mit
Gründen  begleitet,  welche  geeignet  waren,  bei  den  Abgeordneten  die  aere
Ueberzeugung  zu  bilden,  welche  er  selbst  hegte.  Die  beiläufige  Veröffentlichung
  jener  Depeschen  habe  übrigens  dem  Zentrum  den  Rückzug  von  seiner
frühern  Stellung  dem  Septennate  gegenüber  erleichtert,  weil  sie  bezüglich  der
Militärgesetze  eine  neue  Lage  geschaffen  und  das  Gesetz  weniger  wegen  der
frühern  Beweisgründe  als  durch  den  neuen  Grund  annehmbar  gemacht  habe.
Beide  Briefe  bewiesen  den  im  höchsten  Grade  friedlichen  Charakter  des  Septennats,
  sie  bewiesen  ihn  mit  dem  Gewicht  einer  Person,  deren  friedliche  Absichten
  niemand  bezweifeln  könne,  dadurch  habe  das  Septennat  in  den  Augen
von  ganz  Europa  den  Charakter  erhalten,  daß  es  die  sichere  Entfernung
jeder  Kriegsgefahr  bedeute.

15.  Februar.  (Türkei.)  Der  Papst  empfängt  den  vom  Sulian
zur  Ueberbringung  des  Osmanieh-Ordens  an  drei  Kardinäle  —
darunter  der  Staatssekretär  Jakobini  —  und  drei  andere  hohe  Prälaten
  nach  Rom  abgesandten  katholisch-armenischen  Patriarchen
Azarian  in  einstündiger  Audienz.